Wirtschaft : Nachhilfe für Aufseher

Am liebsten werden immer noch Ex-Vorstände als Aufsichtsräte nominiert. Aber das reicht nicht. Weiterbildung ist nötig.

Ruth Lemmer
Bloß nicht verrechnen! Nicht jeder Aufsichtsrat kann fehlerfrei Bilanzen lesen. Dabei steigt das Haftungsrisiko. Eine Weiterbildung schützt vor Überschätzung. Foto: dpa
Bloß nicht verrechnen! Nicht jeder Aufsichtsrat kann fehlerfrei Bilanzen lesen. Dabei steigt das Haftungsrisiko. Eine...Foto: dpa-tmn

Die meisten neuen Aufsichtsräte erfüllen noch immer keine besonderen Auswahlkriterien oder erbringen vorab definierte Qualifikationsnachweise – wie es aber jeder andere herkömmliche Jobbewerber tun muss. Obwohl verschärfte gesetzliche Regeln für Kontrolleure gelten, existieren in rund 70 Prozent der börsennotierten Unternehmen keine konkreten Evaluationskriterien für die Stellenbesetzung.

Das fand Michèle Morner in einer Studie über die Nominierung von Aufsichtsratsmitgliedern heraus. Die Professorin leitet an der Uni Witten-Herdecke das Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung und Corporate Governance. „Das einzige Nominierungskriterium, das wir gefunden haben, ist das ’Ex’ vom Ex-Vorstand“, sagt die Wissenschaftlerin. Und fährt an die Adresse von Interessenten ohne entsprechende Berufsstation im Lebenslauf gerichtet fort: „Wer kein Ex-Vorstand ist, wird nicht ernst genommen.“

Bei den Beiräten und Aufsichtsräten im Mittelstand sieht es nicht anders aus. Nachvollziehbare Kriterien für das Mandat der Kontrolleure? Mangelware.

Kein Wunder, dass die Enttäuschung so mancher Unternehmenschefs über ihre Aufseher nach einiger Zeit groß ist. Das Beratungsunternehmen Gemini befragte gemeinsam mit der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach Unternehmenslenker nach ihrer Zufriedenheit mit den Kontrollgremien. Die Schulnote lag bei „knapp befriedigend“, im Handel und für freiwillige Gremien sogar nur bei „ausreichend“. Überraschend: Zwischen Umsatzgröße und Gesamtzufriedenheit gibt es keine Korrelation.

Ernst Heilgenthal, Leiter des Kölner Büros von Gemini Executive Research, sieht dringenden Nachholbedarf. Aufsichtsräte müssen sich „durch die Zahlenfriedhöfe arbeiten können und dann auch penetrant nachfragen“. Den Wechsel vom operativen Manager zum Kontrolleur mit einer entsprechenden Weiterbildung zu begleiten, hält er für unerlässlich.

Die von der Regierung eingesetzte Corporate-Governance-Kommission unter der Leitung von Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratschef der Commerzbank, fordert schon seit längerem eine Qualifizierungsoffensive von der Wirtschaft: Weiterbildungsinhalte für Kontrolleure müssen sich gezielt mit der Rolle des Aufsichtsrats befassen: seine Rechte und Funktion, Organisation, Arbeitsweise und Management des Gremiums, Unternehmensstrategie und -steuerung, Risikocontrolling, Finanzierung und Investition, moderne EDV und Technologiemanagement, aber auch Corporate Governance, Ethik sowie Fragen der gesellschaftlichen und ökologischen Verantwortung müssten behandelt werden. Schwerpunkte der Fortbildung sollten außerdem die Themen Haftung und Aufsichtsratshaftpflicht-Versicherung sein.

Denn der latent vorhandene Weiterbildungswille erhält durch die Verschärfung der Haftung einen Schub. Aufsichtsräte sind verunsichert, manche zweifeln ihre Eignung sogar selbst an. „Die Mandatsträger müssen selbst für ihr Wissen sorgen“, betont auch Klaus-Peter Müller, Vorsitzender der Corporate Governance Kommission. „Und es ist unstrittig, dass niemand, der über längere Zeit eine Position innehaben kann, ohne Weiterbildung auskommt.“

Doch in öffentlich zugänglichen Seminaren (siehe Kasten) trifft man eher diejenigen, die neu in Aufsichtsräte hineinwachsen wollen. Müller: „Man will auf Augenhöhe mit Kollegen sein, nicht die Schulbank drücken.“ Aber die firmeneigene Fortbildung der Aufseher hat eine positive Entwicklung genommen. „Die Gremien können sich Spezialisten einladen – und tun das auch“, sagt Aufsichtsratsexperte Müller.

Vorbereiten will auch der Verband deutscher Unternehmerinnen (VDU) künftige Aufsichtsratsmitglieder – und zwar weibliche, die in der VDU-Datenbank erfasst sind. Bisher werden die rund 450 Frauennamen, die das regierungsseitig unterstützte Projekt listet, zwar nicht besonders intensiv nachgefragt, aber die 150 verfügbaren Seminarplätze haben die fleißigen Frauen dennoch schon ausgebucht.

Was Wissenschaftlerin Michèle Morner herausfand, bestätigt sich hier: Gesucht wird nach neuen Aufsehern im Netzwerk der Vorstände – auch die auf Kontrolleure spezialisierten Headhunter tummeln sich dort. So wurden diejenigen jüngeren Kandidaten Aufseher, die sich zuvor einen Namen als Vorstand gemacht haben: Die Ingenieurin Ines Kolmsee, Vorstandsvorsitzende der SKW Metallurgie Holding sitzt im Aufsichtsrat bei Umicore und Fuchs Petrolub, Deutz-AG-Finanzvorstand Margarete Haase verstärkt das Fraport-Kontrollgremium. Im Mai dann soll die frühere EZB-Managerin Gertrude Tumpel-Gugerell in den Commerzbank-Aufsichtsrat einziehen und Paul Michael Achleitner wird für den Aufsichtsratsvorsitz bei der Deutschen Bank seinen Finanzvorstandsposten bei der Allianz aufgeben.

Guido Happe, Vorstandsvorsitzender der Personalberatung Steinbach & Partner, war beim Aufbau der Board Academy – einer Weiterbildungsorganisation für und Netzwerks von Aufsichtsräten – dabei. Er sieht beim Wechsel vom Management ins Kontrollgremium generell Fortbildungsbedarf: „Vorstände müssen den Perspektivenwechsel lernen und neue, verschiedene Rollen leben, wenn sie ein Aufsichtsratsmandat wahrnehmen.“

Hinzu kommt, dass Selbsteinschätzung und reale Kenntnisse manchmal auseinanderklaffen. Nicht jedes Aufsichtsratsmitglied, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, kann eine Bilanz bis ins Detail lesen. Und das bei steigendem Haftungsrisiko.

Die Situation scheint nach Berufsaufsichtsräten zu verlangen. Zum Ende einer Berufsbiografie als operativer Manager mit einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit mag das angehen. Als Lebensplan für einen 35-Jährigen, der nicht bereits Spitzenmanager eines Unternehmens war, eignet sich das Sammeln von Mandaten weniger. Jedenfalls können für Regierungskommissionschef Hans-Peter Müller Berufsaufsichtsräte die Qualifizierungslücke nicht beheben: „Deutschland hat für viele Berufsaufsichtsräte keine Vergütungsstruktur.“ Und außerdem gelte auch für diese Aufsichtsratsmitglieder das Gebot des lebenslangen Lernens. (HB)

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