Wirtschaft : Nachhilfestunden für Hollywood

Warum die Kino-Sommersaison trotz hoher Einnahmen zu einem Flop geworden ist

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Von John Lippman Im Kino ist die Sommersaison jetzt vorbei. Auf ihr ruhte die Hoffnung Hollywoods – auf den vergangenen 19 Wochen, vom ersten Maiwochenende bis zum langen Wochenende am Labor Day, dem ersten Montag im September. In dieser Zeit sind auch die Schulferien und so setzt die Branche mit ihren Filmen vor allem auf die Kinder. Sie sind es, die einen Streifen zum Kassenschlager machen sollen. Schließlich werden für gewöhnlich die meisten Kinotickets im Sommer verkauft – alleine in den USA etwa 40 Prozent aller Karten. Für die Filmstudios also die beste Zeit, um Gewinne zu machen. Also ist jetzt auch ein guter Moment, einmal die letzten Monate Revue passieren zu lassen und zu schauen, was man von Hollywood lernen kann. Angesichts der Erwartungen, die in den Sommer gesetzt wurden und dem tatsächlichen Ergebnis, sollten die Macher in Hollywood ernsthaft erwägen, gemeinsam mit den Kindern nochmal die Schulbank zu drücken, um ein paar wichtige Lektionen zu lernen.

Lektion 1: Zähle nicht nur die Einnahmen, zähle auch die verkauften Karten. Hollywood wird wieder prahlen, dass es in diesem Sommer erneut einen Kassenrekord gebrochen habe. Über die Wahrheit hinter den Zahlen aber, wollen die meisten Filmbosse nicht reden: Weniger Menschen gehen ins Kino. Zwar sind die Einnahmen aus den Ticketverkäufen in den USA diesen Sommer im Vergleich zum vergangenen Jahr um drei Prozent auf 3,98 Milliarden Dollar gestiegen. Doch die Anzahl der verkauften Tickets ist um ein Prozent gesunken. Also nur weil die Karten immer teurer werden, können die Studios jubilieren, dass sich die Branche in jedem Jahr zu neuen Höhen aufschwingt. Die Studios seien selbst schuld, sagt Tom Sherak von den Revolution Studios, die in diesem Sommer die Komödie „White Chicks“ produzierten, die bei uns am 7.Oktober anläuft. Sherak sagt, die wachsende Tendenz, die Saison mit so genannten BlockbusterFilmen voll zu stopfen – manchmal laufen zwei oder drei solcher Streifen an einem Wochenende an –, führe dazu, dass die Filme überhaupt keine Chance hätten, sich zu einem Kassenschlager zu entwickeln.

Lektion 2: Man braucht keinen großen Star, um einen Film zu verkaufen. Für den Sommer drehte Hollywood die meisten Streifen ohne kostspielige Stars, und das durchaus erfolgreich. In Foxs „Day after tomorrow“ zum Beispiel waren Jake Gyllenhaal und Dennis Quaid zu sehen, die nicht zu den wirklich Großen der Branche gehören. Dennoch spielte der Film weltweit 539,7 Millionen Dollar ein, davon 186 Millionen in den USA. Natürlich gab es auch Filme mit Starbesetzung: Tom Hanks in „The Terminal“, der die Filmfestspiele in Venedig eröffnete und Tom Cruise in „Collateral", der bei uns am 23. September anläuft. Aber beide Streifen erreichten bei den Ticketverkäufen in den USA nicht die magische 100 Millionen-Dollar-Marke. Und auch Will Smiths „I, Robot“ schaffte gerade einmal enttäuschende 140 Millionen Dollar an den amerikanischen Kassen und weitere 140 Millionen außerhalb der USA. Damit liegt der Film deutlich unter den vorangegangenen Filmen von Smith wie etwa „Men in Black“ und „Independence Day“.

Lektion 3: Der Glaube an Fortsetzungen ist wiederhergestellt. Die Kritiker innerhalb und außerhalb der USA haben beklagt, dass der Sommer 2004 erneut eine Saison voller überbewerteter, leistungsschwacher und unerwünschter Fortsetzungen sein würde (man denke nur an die „Lara Croft: Tomb Raider“-Fortsetzung im Jahr 2003, der weniger als halb so viele Tickets wie das Original einspielte). Aber die größten Filme – und nach den übereinstimmend lobenden Kritiken zu urteilen, die Besten – waren allesamt Fortsetzungen: „Shrek II“, „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ und „Spiderman II“. Auch wenn dieser Sommer vielleicht nur eine Ausnahme ist, die die Regel bestätigt, hat er in Hollywood wieder den Glauben geweckt, dass auch Fortsetzungen erfolgreich sein können. „Fortsetzungen sind jetzt kein Unwort mehr“, sagt Jeff Blake, Vizepräsident von Sony Pictures, denen „Spiderman II“ weltweit 738 Millionen Dollar an Einnahmen brachte. „Wenn die Fortsetzung einer Geschichte, von der die Leute mehr hören wollen, gut gemacht ist, dann geht das in Ordnung“, so Blake. Sogar mehr als in Ordnung – wie die Einnahmen von „Spiderman II“ belegen.

Die Texte wurden übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Türkei), Svenja Weidenfeld (Hollywood), Tina Specht (US-Wirtschaft), Christian Frobenius (US-Haushalt) und Matthias Petermann (China).

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