Nachtleben in der Hauptstadt : Berlins Clubs wollen Wirtschaftsfaktor bleiben

Die Berliner Clubs rutschen in internationalen Party-Rankings ab. Der Chef des „Watergate“ fordert deshalb ein Eingreifen der Politik.

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Steffen Hack, einer der Betreiber des Watergates, dass dieses Jahr 10 jähriges Jubiläum feiert.
Steffen Hack, einer der Betreiber des Watergates, dass dieses Jahr 10 jähriges Jubiläum feiert.Foto: David von Becker

Die Abgesänge auf die Party-Metropole Berlin sind zahlreich. Die Stadt habe ihren Zenit überschritten, heißt es in diversen Artikeln, Blogs und Online-Foren. Ein Anhaltspunkt dafür sind die viel beachteten Club-Rankings, etwa vom „DJMag“. Die Zeiten, in denen Berliner Clubs, allen voran das Friedrichshainer Berghain, die Liste der beliebtesten Clubs weltweit anführt, sind vorbei. In der aktuellen Hitlist des DJMags, das mittlerweile durch ein Publikumsvoting ermittelt worden ist, belegt es nur noch Rang 13. Und auch das Watergate an der Oberbaumbrücke ist mit Rang 68 eher ein Außenseiter. Aktuell steht ein brasilianischer Club an der Weltspitze.

Für die Berlins Wirtschaft ist das Image als Party-Hauptstadt wichtiger Standortfaktor. Wer zum Feiern kommt, belebt auch das Geschäft im Hotel- und Gastrogewerbe. Doch was ist, wenn die Stadt plötzlich an Attraktivität einbüßt?

Party-Rankings passen nicht zu Berlin

Steffen Hack betreibt den Techno-Club Watergate und findet, Rankings, Statistiken und Ecxel-Tabellen passten nicht zur Techno-Kultur. „Man versucht ja im Moment, Berlin ein bisschen den Rang abzusprechen und den Eindruck zu vermitteln, dass wir auf einem sinkenden Schiff sind“, sagt der 52-Jährige. Hack, Spitzname „Stoffel“, redet gerne, viel und unversöhnlich über die aus seiner Sicht verfehlte Kulturpolitik. „Es geht nur noch um Zahlen, um Masse“. Das sei das einzige, was Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und die Tourismus-Industrie interessiere. „Das ist doch bescheuert!“ Nach der Wende habe es in Berlin viele Freiräume gegeben. Die habe der Senat zerstört, den Kreativen weggenommen, und ihnen stattdessen das „Musicboard“ vor die Nase gesetzt, eine Einrichtung zur Kulturförderung. „Damit wollen die nur suggerieren: ’Wir tun was!’“ Effektiv geschehe aber wenig.

Der Watergate-Chef ist für seine harschen Worte bekannt. Auch Katja Lucker, Chefin des Musicboards, entfährt nur ein genervtes Seufzen. „Wir haben niemandem etwas weggenommen. Wir als Musicboard fördern Künstler und helfen Clubs.“ Auch das Watergate habe schon Geld von ihnen genommen.

Das Musicboard soll die Club-Szene unterstützen

Der Berliner Senat hatte die Einrichtung Anfang 2013 ins Leben gerufen. Ausgestattet mit einem Etat von mehr als einer Millionen Euro jährlich soll Lucker und ihr Team Projekte und vor allem Künstler fördern und unterstützen. Dazu vergibt es etwa Stipendien, vermittelt Ansprechpartner und kümmert sich um die Vernetzung zwischen der Musikwirtschaft und Künstlern. Auch wenn sich mal wieder ein Nachbar über zu laute Musik vom Club um die Ecke beschwert, springen sie als Moderatoren ein. Mit Steffen Hack hatte sie schon öfter zu tun. Der melde sich zwar immer wieder lautstark zu Wort, sei aber nicht repräsentativ für die Berliner Club-Betreiber, sagt Lucker.

Die halten sich größtenteils bedeckt. Mit der Presse will kaum jemand sprechen, vor allem nicht die großen Clubs wie das Berghain oder das Sisyphos. Dem äußeren Anschein nach scheint es ihnen gut zu gehen. Die Besucherschlangen sorgen zur Rush-Hour unverändert für stundenlange Wartezeiten, Ranking hin oder her. Und auch Steffen Hack sagt: „Leute die sich aufgrund von Rankings für einen Club entscheiden, gehören ohnehin nicht zu der Zielgruppe der Berliner Technoszene.“ Das entscheidende sei Mund-zu-Mund-Propaganda, und dass die Betreiber einen guten Job machen. Das nütze der lokalen Wirtschaft insgesamt. „Wahrscheinlich sind die Clubs wichtiger als der Wirtschaftssenat“, findet er. „Der ist schwer von Begriff.“

Open-Air-Events werden in der Stadt zur Seltenheit

Durch Maßnahmen wie etwa überzogene Lärmschutzverordnungen würden Events wie etwa Open-Air-Partys im Stadtgebiet massiv erschwert. Darunter litten wiederum die Subkulturen, die Berlin erst zur Party-Meile von Weltruf machten. „Eine Stadt ohne Subkultur ist ja nicht menschenleer, aber es wird eine andere Klientel da sein.“ Die Politik schmücke sich gerne mit der einzigartigen Clublandschaft, „aber wenn es hart auf hart kommt, haben wir nichts zu melden.“

Musicboard-Chefin Katja Lucker ist erwartungsgemäß gelassener. Sie findet, der Senat und Bürgermeister Müller würden ihre Sache gut und engagiert machen. Dass Berlin in näherer Zukunft langweilig, gar gewöhnlich wird, glaubt sie nicht. „Man kann immer noch unglaublich viele Clubs erleben. Wir sind auf jeden Fall noch nicht München!“

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