Wirtschaft : Nahost-Konflikt treibt USA in die Schuldenfalle

Studien versuchen, die Folgen des Irakkrieges abzuschätzen – doch die Psychologie spielt den Prognostikern oft einen Streich

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Berlin (psi). Jeder Krieg kostet Geld, das den kriegführenden Parteien dann bei der Ausübung ihrer regulären Staatstätigkeit fehlt. Im ersten IrakKrieg beliefen sich die Kosten nach Berechnungen des Congressional Budget Office (CBO) auf 60 Milliarden US-Dollar, was nach heutigem Wert in etwa 80 Milliarden US-Dollar entspricht. Wie viel der jetzige Krieg kosten wird, lässt sich zu Beginn der militärischen Auseinandersetzung schwer abschätzen. Das CBO setzt für einen bis zu sechs Wochen dauernden Krieg rund 50 Milliarden US-Dollar an, die allein für die unmittelbaren Operationen vor Ort, sowie für Logistik und Nachschub der amerikanischen Streitkräfte anfallen.

Andere Schätzungen, wie sie etwa der Yale-Ökonom William D. Nordhaus in einem Gutachten für die American Academy of Arts & Sciences angestellt hat, gehen von unmittelbaren Mindestkosten in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar aus. Je nach Dauer und Schwere der militärischen Auseinandersetzung könnten sich die direkten und indirekten Kosten des Irak-Kriegs – zu letzterem zählt unter anderem der Wiederaufbau des Landes und der Einsatz von Friedenstruppen nach Beendigung der Kampfhandlungen – nach den Berechnungen von Nordhaus auf bis zu 1,9 Billionen US-Dollar summieren.

Anders als im ersten Golf-Krieg müssen die Vereinigten Staaten den Preis für ihr militärisches Engagement im wesentlichen selbst begleichen. Während 1991 Staaten wie Deutschland und Japan, die selbst keinen militärischen Beitrag leisten wollten, die Rechnung für den amerikanischen Einsatz im wesentlichen beglichen haben, müssen die jetzt kriegführenden Parteien den Waffengang weitgehend aus ihren eigenen nationalen Haushalten bezahlen. Die Hauptlast liegt damit auf den Vereinigten Staaten.

Enorme Kriegskosten werden damit in jedem Fall auf die USA zukommen – und in der Folge das Wachstum bremsen und die Neuverschuldung drastisch anschwellen lassen. Rechnet man die auch ohne den Irak-Krieg vorgesehene Steigerung der Verteidigungsausgaben hinzu, dann wird nach Schätzung des Washingtoner Finanzministeriums das Defizit im Haushaltsjahr 2004 bei 307,4 Milliarden US-Dollar liegen. Zum Vergleich: Der letzte von Präsident Clinton zu verantwortende Haushalt schloss mit einem Überschuss von 236,5 Milliarden US-Dollar ab.

Die großen Lasten, die jetzt auf Amerika zukommen, werden die Dynamik der US-Wirtschaft weiter bremsen und damit auch den größten nationalen Motor der Weltwirtschaft beeinträchtigen. Doch nicht nur als Nachfrager am weltweiten Austausch von Gütern und Dienstleistungen wird Amerika schwächeln. Die Finanzierung des Haushaltsdefizits wird darüber hinaus auch Auswirkungen auf Zinsen und Wechselkurse haben.

Konjunkturprogramm nur für einige

Einige Branchen werden mit Sicherheit vom Krieg profitieren. Neben der Rüstungsindustrie werden hierzu auch jene Wirtschaftszweige zählen, an die die Aufträge für den Wiederaufbau des Iraks – etwa die Bauindustrie – am Ende gehen werden. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer amerikanischer Zeitungen werden dies im Wesentlichen US-Firmen sein. Volkswirtschaftlich betrachtet setzt der Irak-Krieg damit ein Konjunkturprogramm für wenige mit gigantischen Kosten für alle in Gang, was für eine wirtschaftsliberale Regierung wie die Bush-Administration eigentlich wider jeden ökonomischen Sachverstand ist.

Weitaus schwieriger noch als die Berechnung der Kriegsfolgen für den Weltwirtschaftsfaktor Amerika sind Prognosen über die Auswirkungen des Iraks-Kriegs auf die Weltwirtschaft insgesamt. Allein schon Prognosen über den kurz- und mittelfristigen Preis für Rohöl zeichnen sich durch eine große Schwankungsbreite aus. Das Versprechen einiger ölproduzierenden Länder, vor allem von Saudi-Arabien, eine gleichmäßige Versorgung zu gewährleisten, müsste eigentlich preisstabilisierend wirken.

Doch die Wochen vor Ausbruch des Kriegs haben gezeigt, dass neben dem Ausgleich von Angebot und Nachfrage ganz wesentlich auch psychologische Faktoren den Preis bestimmen. Trotz historischer Höchststände in der weltweiten Ölversorgung stieg der Preis in den Wochen der Kriegserwartung, um dann nach Ausbruch der militärischen Handlungen deutlich niedriger zu bleiben als dies alle Prognosen vorhergesagt haben. Mit Blick auf die Börsendaten der Vorkriegszeit und der ersten Kriegstage lässt sich ähnliches feststellen.

Offenkundig wirken stabile Verhältnisse, selbst wenn sie per se wirtschaftshemmend sind, beruhigender als Zeiten der Ungewissheit. Dies könnte im Laufe des Kriegs selbst wieder eine größere Rolle spielen. Denn nachdem jetzt Sicherheit über den Ausbruch des Kriegs da ist, hat sich Unsicherheit über dessen Länge und Ausgang eingestellt.

Der Kriegsverlauf ist aber nicht nur psychologisch und mit Blick auf die direkten Kosten für die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs von Bedeutung. Eine Studie des Center for Strategic and International Studies (Washington DC) unterscheidet grob drei militärische denkbare Szenarien, die ganz unterschiedliche Auswirkungen hätten.

Ein schneller Sieg ohne große Schäden und begrenzt auf den Irak würde demnach sogar zu einer Belebung der Weltwirtschaft führen. Insbesondere der Ölpreis würde deutlich fallen. Sollte sich aber der Krieg wegen hartnäckigen Widerstands einige Wochen hinziehen, Kuwait oder Israel vom Irak angegriffen, größere Opfer auf Seiten der Alliierten zu beklagen und größere Zerstörungen ziviler Infrastruktur die Folge sein, dann wären die Auswirkungen schon gravierend: mittelfristig höhere Ölpreise, Nachfrageschwäche, gebremstes Wirtschaftswachstum – allein in den USA um 1,75 Prozentpunkte. Mindestens für 2003 und 2004 würde dabei auch die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten spürbar ansteigen.

Am schlimmsten wären die Auswirkungen eines sich über einige Monate hinziehenden Kriegs: Die amerikanische Volkswirtschaft würde dann mit Sicherheit in eine gravierende Rezession hineinrutschen, mit hohen Inflationsraten und drastisch steigender Arbeitslosigkeit. Das würde sich dann auch in allen anderen Industriestaaten auswirken.

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