Wirtschaft : Nahrungsmittel-Aktien: Sahneschnittchen im Depot

Veronika Csizi

Gegessen wird immer. Seit die Technologie-Aktien ausgezehrt am Boden liegen besinnen sich immer mehr Anleger auf diese simple Erkenntnis. Aktien aus der Nahrungsmittel-Industrie, im High-Tech-Superjahr 1999 noch als schmale Kost verschmäht, haben sich inzwischen zu den Sahneschnittchen im Depot gemausert. Die Großen der Branche, von Weltmarktführer Nestlé (Wertpapierkennnummer 887 208) bis zum US-Ketchup-Spezialisten Heinz (WKN 851 291), hängten in den vergangenen zwölf Monaten sämtliche Indizes ab. Der niederländisch-britische Unilever-Konzern ("Iglu", "Knorr", "Rama") etwa hat seit Juni 2000 satte 26 Prozent zuglegt. Der Euro Stoxx 50, in dem Unilever (WKN 860 028) vertreten ist, liegt ebenso deutlich im Minus wie der Dax. Im Schnitt übertraf die Ernährungsindustrie den Markt um 30 Prozent.

Während in Deutschland die Fisch-Kette Nordsee auf Kundenfang geht, hat in den USA Philip Morris in dieser Woche die Gunst der Stunde genutzt und seine Lebensmitteltochter Kraft Foods unter die Anleger gebracht. Mit großem Erfolg: Value-IPOs, Börsengänge von Substanzwerten, werden von den Anlegern verschlungen. Der Markt hat mit Kraft - weltweite Nummer zwei der Branche - 280 Millionen Aktien zu je 31 Dollar aufgesogen. Bei der zweitgrößten Emission der US-Börsengeschichte nach AT & T Wireless hätten die Banken noch weit mehr Aktien unterbringen können.

Das Geschäft mit Jacobs-Kaffee, Milka, Toblerone und Philadelphia-Käse sei "operativ gut durchschaubar, tradiert und wächst zwar langsam, aber beständig", sagt Walter Sommer, der den auf die Nahrungsmittel-Branche spezialisierten Fonds "Food Global" von Oppenheim managt. Zudem komme die Nahrungsmittelindustrie "ohne Gewinnwarnungen aus und verfehlt ihre Erwartungen nicht", bestätigt der Branchenexperte der Nordinvest, Sven-Oliver Roggenkamp.

Glänzende Aussichten für Kraft

Mit etwa 27 Milliarden Dollar Umsatz und zwei Milliarden Dollar Nettogewinn hebe sich Kraft positiv von vielen Technologiefirmen ab. Halte deren Schwäche weiter an, so glauben manche Analysten, könne Kraft auf Jahresicht sogar bis zu 40 Prozent zulegen. ABN Amro erwartet, dass der Multi die europäische Konkurrenz in Bedrängnis bringen wird. Das Bankhaus hat daher seine Empfehlung für Nestlé, Danone (WKN 851 194) und Unilever von "übergewichten" auf "neutral" reduziert.

Bei den meisten anderen Marktbeobachtern stehen dagegen Danone und Nestlé auf den Kauflisten. Fantasie in die Werte bringt nach Ansicht von Branchenexperte Sommer zum einem die komplette Neuordnung der Branche, zum anderen der Trend zu gesünderen Lebensmitteln. Das große Fressen in dem relativ zersplitterten Food-Sektor hat längst begonnen. In dem stark mittelständisch dominierten deutschen Markt, so schätzen Experten, wird ein Drittel der rund 5500 Nahrungsmittelproduzenten die kommenden fünf Jahre nicht überleben: Geschluckt von großen Konzernen oder abgewürgt von schwachen Margen und der Marktmacht des Einzelhandels.

Auch international werden die Großen immer hungriger: Kraft hat vergangenes Jahr für 18 Milliarden Dollar die Food-Sparte des US-Konzerns Nabisco geschluckt, Unilever für 24 Milliarden Dollar Bestfoods und Slim Fast übernommen. Gleichzeitig verordnen sich die Konzerne Diäten, konzentrieren sich auf die wichtigsten Markennamen ("Brands"). Unilever will Marken mit einem jährlichen Umsatzvolumen von 400 Millionen Dollar loswerden. Der Grund: Nur die großen "Brands" füllen die Kassen. Danone beispielsweise erwirtschaft mit den Marken Evian, Lu und den Danone-Milchprodukten 50 Prozent seines Umsatzes. Und 150 Millionen Mal pro Tag kauft irgendwo auf der Erde jemand ein Produkt aus dem Hause Unilever. An seine Wachstumsgrenzen stößt allerdings Lebensmittelriese Nestlé, der laut Sommer wohl die meisten bekannten Marken im Sortiment hat: Neben Nescafé, Maggi, Buitoni, Alete und Smarties die großen Wassermarken Perrier und Vittel. Nach einem 4,5-prozentigen Umsatzplus im ersten Quartal soll auch das Gesamtjahr einen neuen Umsatz- und Gewinnrekord bringen. Morgan Stanley hält das Papier, das sich mit seinem jüngsten 10:1-Splitt auch für Kleinanleger interessanter machen will, für günstig bewertet, preiswerter als Danone und Unilever und somit einen Kauf.

Kaufkurse für langfristig Orientierte

Für langfrisitig orientierte Anleger, sagt Fondsmanager Roggenkamp, seien auch die aktuellen Kurse ein gutes Einstiegsniveau. Für neue Wachstumsfantasie sorgen vor allem geänderte Ernährungsgewohnheiten. "Functional Food" heißt das Schlagwort. Der Markt für Lebensmittel "mit Zusatznutzen" sei explodiert. Probiotische Joghurts, Energiedrinks mit Vitaminzusatz oder Omega-Eier erreichten auf dem Weltmarkt Milliarden-Umsätze - Tendenz steigend. Vor allem Danone ist in diesem Segment tätig. Der Trend werde weitergehen, heißt es im Forschungszentrum von Nestlé. Der nächste umsatzsteigernde Schritt seien die "Nutraceuticals", eine Mischung aus Nahrungsmitteln und Medikamenten, etwa enzündungshemmender Quark oder Brote, die das Immunsystem positiv beeinflussen.

Dass der Einfallsreichtum zuweilen an seine Grenzen stößt, bewies Ketchup-Spezialist Heinz, dem die Konkurrenz zuletzt zu schaffen machte. Sein neues Ketchup in "gesunder" Farbvariante floppte: Würstchen mit grünem Klecks bleiben den meisten im Halse stecken.

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