Nahrungsmittelkrise : Immer die Schuld der anderen

Die Vereinten Nationen halten Biosprit für Auslöser der Nahrungskrise. Deutschland weist das zurück. Agrarminister Horst Seehofer warnte vor einer Verteufelung der Bioenergie.

Kevin Hoffmann
Horst Seehofer Foto: ddp
Horst Seehofer. -Foto: ddp

BerlinHungerrevolten von Haiti bis Äthiopien und Deutschland streitet über den richtigen Energiemix im Autotank. Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen derweil weiter: Getreide verteuerte sich seit Ende vergangenen Jahres weltweit im Schnitt um 38 Prozent, Milch um 80 Prozent. Führende UN-Vertreter haben für diese Entwicklung jetzt direkt die Industrieländer mitverantwortlich gemacht, weil diese zunehmend essbare Nutzpflanzen anbauen, um daraus Kraftstoffe zu gewinnen. Mitglieder der Bundesregierung wiesen die Vorwürfe am Dienstag in Berlin zurück. Damit verschärft sich die internationale Debatte um Hunger und Energie.

"In den USA wandert in diesem Jahr ein Drittel der Maisernte in den Benzintank. Das ist ein riesiger Rückschlag für die weltweiten Lebensmittelvorräte“, hatte Jeffrey Sachs am späten Montag in Brüssel gesagt. Sachs berät UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Fragen der Armut. Er forderte die USA und Europa angesichts der Lage auf, die Produktion von Biosprit einzuschränken. Ban selbst bat derweil die Staats- und Regierungschefs aller Länder für Anfang Juni zu einem Krisengipfel nach Rom. "Die Existenzgrundlage von Millionen Menschen ist bedroht“, sagte Ban.

Anteil von Biosprit auf einen Zehntel erhöhen

Die Vereinigten Staaten sind der derzeit weltgrößte Produzent von Biotreibstoffen. Die EU-Staaten wollen den Anteil von Biosprit bis zum Jahr 2020 auf einen Zehntel erhöhen. Das ist Teil der EU-Klimaschutzstrategie, wonach der Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten Energieproduktion bis 2020 auf 30 Prozent erhöht werden soll, um den CO2-Ausstoß nachhaltig zu senken.

"Diese Klimaschutzziele sind ohne nachwachsende Rohstoffe in keiner Weise erreichbar“, sagte Agrarminister Horst Seehofer (CSU) am Dienstag. Er warnte vor einer Verteufelung der Bioenergie. Diese sei nicht die Hauptursache für die explodierenden Lebensmittelpreise. Weltweit würden nur zwei Prozent der gesamten Ackerfläche für Biospritpflanzen genutzt, während die gesamten Ernteerträge jedes Jahr wetterbedingt um zehn Prozent schwanken.

Seehofer warb zugleich gemeinsam mit Bauernpräsident Gerd Sonnleitner für eine stärkere Rolle der heimischen Agrarproduktion, um für Stabilität auf dem Weltmarkt zu sorgen. Dem Abbau von Agrarsubventionen, wie zuletzt von der EU-Kommission gefordert, erteilten beide eine klare Ansage. "Man stärkt nicht die Schwachen, indem man die Starken schwächt“, sagte Seehofer. Sonnleitner machte den hohen Grad an Korruption in den Hunger-Ländern für die Krise verantwortlich. "Ich schätze, wir könnten weltweit auch zehn Milliarden Menschen ernähren, wenn wir überall Frieden hätten“, sagte Sonnleitner. Derzeit leben auf der Welt knapp 6,7 Milliarden Menschen.

Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) warb für eine differenzierte Betrachtungsweise des Komplexes. "Wir wissen, dass wir mit nachhaltig erzeugten Rohstoffen mehr Probleme schaffen, als wir lösen“, sagte Gabriel. Wenn man jetzt aber alle Importe von Biomasse stoppt, schaffe man eine neue Distanz zu den Schwellenländern. „Die lassen sich ganz sicher nicht von ihren ehemaligen Kolonialherren sagen, wo sie welchen Rohstoff anzubauen haben“, sagte Gabriel. Er kündigte zudem eine internationale Konferenz für Ende 2007 an, zu der er als Umweltminister einladen wolle.

Die Hauptschuld wies Gabriel Spekulanten an den Finanzmärkten zu, die buchstäblich an dem Nahrungsmittelmangel verdienen. "Diese Spekulanten verdienen wirklich den Titel Heuschrecke“, sagte Gabriel.

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