Wirtschaft : Napster: Die Tauschbörse legt Milliarden-Köder aus

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Ein schöneres Geschenk hätte Shawn Fanning der Musikindustrie am Vorabend der Verleihung der legendären Musik-Oscars, der Grammys, kaum machen können. Der Gründer der umstrittenen Musiktauschbörse Napster legte am Dienstag in San Francisco Details des geplanten kommerziellen Musikdienstes Napster offen und läutete gleichzeitig das Ende des freien, unkontrollierten Napsters ein. Zusätzlich offeriert Napster der Musikindustrie eine Milliarde Dollar an Copyright-Gebühren. Über einen Zeitraum von fünf Jahren will das Unternehmen jährlich 150 Millionen Dollar für Urheberrechte an Musikstücken zahlen, die über das Computernetz der Napster-Nutzer getauscht werden. Zusätzlich sollen 50 Millionen Dollar jährlich für unabhängige Platten-Labels bereitgestellt werden, erklärte CEO Hank Barry. Im Gegenzug sollen neben der Bertelsmann-Tochter BMG auch die anderen vier großen Plattenfirmen Universal Music, Sony, EMI und Warner ihre Musikkataloge für Napster freigeben und anhängige Urheberrechtsklagen niederschlagen.

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Die Gesamtsumme dürfte auch deshalb so hoch ausgefallen sein, weil darin stillschweigend eine Kompensation für etwaige Copyright-Verletzungen der letzten Monate enthalten sein dürfte.

Das Geld will Napster über ein Abonnement-System hereinholen, das monatliche Gebühren zwischen 2,95 und 9,95 Dollar vorsieht. Dafür kann der Kunde dann entweder nur eine bestimmte Anzahl oder unbegrenzt viele Musikstücke aus dem Netz laden. "Extrem konservativ gerechnet", so Hank Barry, kämen im ersten Jahr bei nur zwei Millionen Nutzern rund 120 Millionen Dollar Abonnementgebühren in die Napster-Kassen, nach fünf Jahren sollen es dann bei sechs Millionen Nutzern 365 Millionen Dollar sein. Insgeheim hofft das Gespann Bertelsmann/Napster auf wesentlich höhere Teilnehmerzahlen. Studien sprechen von einer hohen Bereitschaft (68 Prozent beziehungsweise 70 Prozent) der mittlerweile über 60 Millionen Napster-Nutzer für Musik auch zu bezahlen.

Die Eile, mit der jetzt der Wille zur Zusammenarbeit mit der Musikindustrie bekundet wird, ist nicht zuletzt dadurch begründet, dass am Montag letzter Woche ein Berufungsgericht in San Francisco Napster zwar erlaubt hat, seine Web-Seite offen zu halten, gleichzeitig aber keinen Zweifel daran gelassen hat, dass Napster gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen hat. Das Urteil fiel unerwartet krass zu Ungunsten von Napster aus, so dass sich das Unternehmen entschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wir sind bereit zu bezahlen", sagt Napster-CEO Barry,"und wenn Napster kaputt geht, sollen die Leute wissen, dass die Industrie unser Geld nicht haben wollte."

Der mächtige US-Musikverband RIAA reagierte in einer ersten Stellungnahme zurückhaltend. Napster solle erst einmal die Auflagen des Gerichts erfüllen, sagte die RIAA-Präsidentin Hilary Rosen. Dies sei produktiver als der Versuch, Geschäftsverhandlungen über die Medien aufzunehmen.

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