Wirtschaft : Napster: Musikindustrie lehnt Angebot ab

Das milliardenschwere Friedensangebot der Internet-Tauschbörse Napster hat in der Musikindustrie gemischte Reaktionen ausgelöst. "Es ist für jeden in der Branche offensichtlich, dass die Summe, die Napster angeboten hat, keinen Sinn macht in einer 40-Milliarden-Dollar-Industrie", teilte Sony Music Entertainment in einer Stellungnahme mit. Die Musikkonzerne EMI und Universal zeigten dagegen prinzipielles Interesse an einer Zusammenarbeit, äußerten US-Medien zufolge aber Zweifel an dem von Napster am Vortag vorgestellten Geschäftsmodell.

Tagesspiegel Online Spezial:
www.tagesspiegel.de/neweconomy

"Wir sind an allem interessiert, das den Umsatz unserer Künstler und Aktionäre erhöht", sagte Jay Samit, Senior-Chef von EMI Recorded Music. "Doch etwas derartiges wurde uns nicht präsentiert." Die Plattenfirmen zeigten sich außerdem verärgert darüber, dass Napster den Vorschlag auf einer Pressekonferenz unterbreitet hatte und nicht in direkten Gesprächen mit den Unternehmen selbst.

Die Musiktauschbörse Napster hatte Sony, Warner, BMG, EMI und Universal am Dienstag angeboten, über einen Zeitraum von fünf Jahren jährlich 150 Millionen Dollar für Urheberrechte an Musikstücken zahlen, die über das Computernetz der Napster-Nutzer getauscht werden. Zusätzlich sollten 50 Millionen Dollar jährlich für unabhängige Platten-Labels bereitgestellt werden. Das Geld wollte Napster über ein Abonnement-System wieder hereinholen, für das Nutzer monatliche Gebühren zwischen 2,95 und 9,95 Dollar zahlen sollten.

Im Gegenzug erwarten Napster und sein Partner Bertelsmann, dass die Musikindustrie nicht weiter gerichtlich gegen die Tauschbörse vorgeht. Von den ursprünglich fünf Klägern hatte bislang nur BMG, die Bertelsmann Music Group, die Klage zurückgezogen, nachdem der Bertelsmann-Konzern im Herbst eine Partnerschaft mit Napster eingegangen war.

Branche unter Zeitdruck

Nach Überzeugung von Universal Music Group hat aber Napster die Verpflichtung, ein Business-Modell zu entwickeln, das die Rechte der Künstler und Aktionäre berücksichtigt. "Nichts, was wir in der Vergangenheit und heute gehört haben legt nahe, dass Napster in der Lage ist, diese Aufgabe zu erfüllen", sagte jetzt Universal-Sprecher Bob Bernstein.

Trotz der gemischten Reaktionen auf das Milliardenangebot von Napster äußerte sich Andreas Schmidt, Chef der Bertelsmann e-Commerce-Group, zuversichtlich. "Eine Milliarde Dollar ist eine riesige Summe. Das größte Settlement, das jemals in der Geschichte der Musikindustrie angeboten worden ist", sagte Schmidt im "RTL Nachtjournal".

Beide Seiten sollten einen "Waffenstillstand" schließen und die Rechtsstreitigkeiten vorläufig ruhen lassen. Napster habe weltweit 64 Millionen Nutzer. "Ich denke, wir sind alle unter Zeitdruck, so schnell wie möglich eine Lösung zu finden, und zwar im Interesse der Konsumenten", sagte Schmidt.

Joint-Venture gegen Musik-Piraten

Unterdessen haben Vivendi Universal und Sony ein Joint-Venture-Unternehmen zum gemeinsamen Lizenz-Vertrieb ihrer Musiktitel gegründet. Mit dem neuen Unternehmen Duet wollten die beiden führenden Konzerne der Musikbranche "die Urheberrechte und das geistige Eigentum der Künstler schützen", sagte Vivendi-Universal-Chef Jean-Marie Messier der Zeitung "La Tribune" in der Donnerstagsausgabe.

Sony und Vivendi-Universal könnten Lizenzen für "50 Prozent der Weltmusik" vergeben. Die Lizenzvergabe für den Vertrieb der in den Katalogen aufgeführten Titel könne über Plattformen wie MP3.com erfolgen, sagte Messier. Es sei oft behauptet worden, eine Allianz mit der in Kalifornien ansässigen Musik-Tauschbörse Napster sei dafür der einzige Weg. "Ich sehe nicht ein, warum man Piraten einen Vorteil einräumen sollte", sagte Messier dazu.

Ein Berufungsgericht in San Francisco hatte in der vergangenen Woche auf Betreiben mehrerer Plattenfirmen entschieden, dass die Napster-Börse prinzipiell keine geschützten Musiktitel mehr gratis im Internet vermitteln darf. Der mit Napster verbündete Bertelsmann-Konzern will die Börse Mitte des Jahres in ein kostenpflichtiges Angebot umwandeln.

Nach der Vorgabe der US-Justiz muss der Streit mit der Musikindustrie bis zum 2. März beigelegt sein. "Selbstverständlich sind wir bereit, mit Napster zu verhandeln, wenn sie die Entscheidung des kalifornischen Gerichts respektieren", sagte Messier. "Das ist aber bisher nicht der Fall."

0 Kommentare

Neuester Kommentar