Wirtschaft : "Natürlich haben wir eine Abwehrstrategie"

DANIEL WETZEL

Schering kauft für 500 Millionen Aktien zurück / Finanzvorstand Klaus Pohle über Expansion, Übernahmen und den Druck der AnalystenVON DANIEL WETZEL

Fidelity Investments, Boston, USA.Eines der größten Geldhäuser der Welt.Die Anzeigentafel im Warteraum zeigt straff organisierte Termine: "Zehn Uhr Schering, elf Uhr Karstadt, zwölf Uhr BASF".Wie die Schuljungen warten die Finanzvorstände der mächtigen deutschen Konzerne, bis sie an die Reihe kommen.In der Analysten-Abteilung beginnt eine Stunde peinlicher Inquisition.Die jungen Anlageexperten, oft keine 30 Jahre alt, kennen keinen Respekt vor den Konzernlenkern, sie kennen nur Kapitalrenditen: "Ihr Unternehmensbereich xy bringt nur 6 Prozent.Warum haben sie den nicht längst abgestoßen?" Genau eine Stunde dauert das scharfe Kreuzverhör, dann ist der Finanzvorstand gnädig entlassen.Er ist noch nicht ganz bei der Tür, schon wendet sich der Analyst zum Investmentbanker in der Ecke und diktiert seine Entscheidung: "Na gut, kaufen wir heute mal für...30 Mill.Dollar Schering-Aktien." "Da wird man durch die Mühle gedreht", erzählt Schering-Finanzvorstand Klaus Pohle.Seit 17 Jahren ist er Vorstandsmitglied des Berliner Pharmakonzerns.Er weiß, daß die unangenehme Road-Show bei den mächtigen amerikanischen Investmenthäusern zu den unabdingbaren Pflichten seines Jobs zählt."Sie müssen sich überlegen, da gibt es Teams, die legen jeden Tag fünf oder sechs Mrd.Dollar an." In der Entscheidung eines Augenblicks kann der Investmentriese seine Schering-Anteile verdreifachen - oder alle verkaufen."Da können sie in Deutschland hundertmal Regeln über den Aufsichtsrat und wer weiß was noch alles haben - das ist nichts gegen den Druck, den sie von diesen Leuten kriegen", sagt Pohle. Weltweit gibt es 24 Bank-Analysten, die die Berliner Schering AG ständig beobachten, Berichte schreiben, Anlage-Empfehlungen geben.Pohle kennt sie alle mit Vornamen.Sechs bis acht sind High-Professionals, "brilliante Leute, die mein Unternehmen fast besser kennen als ich selber." Ob der Kurs der Schering-Aktie steigt oder fällt, hängt im wesentlichen von ihrer Entscheidung ab.Damit halten sie gleichzeitig das Schicksal und die Unabhängigkeit des größten Berliner Industriebetriebs in den Händen: Denn seit Jahren gilt Schering als mögliches Opfer einer feindlichen Übernahme. Der Berliner Konzern ist ein attraktives Schnäppchen.Denn trotz des weltweiten Milliarden-Umsatzes und der fast 20 000 Mitarbeiter gilt Schering unter Pharmagiganten nur als Mittelständler: Im internationalen Größenvergleich landet das Unternehmen lediglich auf Platz 25.BASF, Bayer oder LaRoche hätten genug Masse, um das Unternehmen zu schlucken.Acht Interessenten, berichtet Pohle, seien schon vorstellig geworden.Einmal klopfte der serbische Selfmade-Millionär Milan Pani¿c an und bot eine Milliarde für 25 Prozent der Aktien.Schering machte die Offerte öffentlich, die Kurse schossen in die Höhe, Pani¿c mußte wieder abziehen.Er ließ sich wenig später zum Ministerpräsidenten von Restjugoslawien wählen. "Natürlich haben wir eine Abwehrstrategie", sagt Pohle."Den Aktienkurs so hoch wie möglich zu halten, damit eine Übernahme von Schering so teuer wie möglich wird." Die Strategie ist bislang aufgegangen.Pohle hält eine feindliche Übernahme von Schering für extrem unwahrscheinlich.Bei einem Kurs von 165 DM pro Aktie beträgt der Börsenwert des Unternehmens inzwischen rund 11 Mrd.DM.Ein Käufer müßte mithin mindestens 16 Mrd.DM für die komplette Übernahme bieten können.Wenn Schering in diesem Jahr jedoch einen Ertrag von rund 400 Mill.DM ausweist, bedeutet das für den Käufer eine Verzinsung seines Geldes von lediglich etwa 2,5 Prozent - zu wenig. Es gibt noch einen zweiten Grund, warum Pohle die ständig wiederkehrenden Gerüchte um ein "unfriendly takeover" für unbegründet hält.Die bisherigen Übernahmen in der Branche waren lukrativ, weil der Fusion die Massenentlassung folgte.Schering aber ist bereits ein schlankes Unternehmen, das nur auf kleinen Spezialmärkten aktiv ist."Das heißt, das übliche Spiel, mal eben 5000 Leute zu entlassen, funktioniert bei Schering nicht", ist sich Pohle sicher.Dennoch: "Wir wollen ein Programm auflegen, um für 500 Mill.DM Aktien zurückzukaufen und so für das verbleibende Eigenkapital die Kapitalrendite erhöhen", kündigte er an."Gleichzeitig hat das den angenehmen Nebeneffekt, daß eine feindliche Übernahme wieder ein Stück unwahrscheinlicher wird.Wir wollen unabhängig bleiben." Kein Wunder: Denn das Geschäft entwiêkelt sich vielversprechend.Zwar beginnt die US-Firma Biogen nun auch in Europa, Schering bei Multiple-Sklerose-Medikamenten Konkurrenz zu machen.Doch der Finanzvorstand ist zuversichtlich.Er setzt auf Marktausweitung.Während der Verkaufsschlager Betaferon bislang nur zur Behandlung der schubförmigen Multiple-Sklerose zugelassen war, will man bald mit einer "Second-Progressive"-Variante auf den Markt kommen."Wir schätzen, daß etwa 30 Prozent der Patienten diese zweite MS-Form haben", sagt Pohle. Zudem könnte sich der Bereich der Krebs-Medikamente bald zu einem der größten Standbeine des Konzerns entwickeln.Pohle wollte Unternehmenszukäufe in diesem Bereich nicht ausschließen."Wir hoffen, daß wir im Bereich Onkologie mal einen Umsatz von einer Mrd.DM haben werden - heute sind wir erst bei etwa 360 Mill.DM."

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