Wirtschaft : „Neben dem Profit gibt es noch andere Ziele“

Stahl-Manager Karl Döring über soziale Gerechtigkeit, Leuchttürme im Osten und Vorbildliches aus der früheren DDR

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Herr Döring, die Arbeitnehmer im Osten wollen die 35Stundenwoche, weil es dreizehn Jahre nach der deutschen Vereinigung Zeit ist, für gleiche Lebensbedingungen zu sorgen.

Soziale Gerechtigkeit können Sie nicht über drei Stunden Arbeitszeitverkürzung herstellen. Sehr viel schlimmer ist, dass landauf landab bis zu 20 Prozent der Menschen arbeitslos sind. Davon abgesehen ist es eine Illusion, dass man überall das gleiche Geld für die gleiche Arbeit bekommt. Das hängt vom Standort ab.

Da spricht der Stahlmanager in Ihnen. Und was sagt der Bürger der ehemaligen DDR?

Der hat keine andere Meinung. Gewerkschaften und Arbeitnehmer haben einen falschen Kampf zur falschen Zeit geführt.

Also sollte das Gefälle zwischen West und Ost bleiben wie es ist?

Wir hätten eher darüber nachdenken sollen, ob man in der westdeutschen Stahlindustrie drei Stunden länger arbeitet. Statt um die Reduzierung der Arbeitszeit zu streiten, müssten sich die Tarifpartner über die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen und von Lehrstellen unterhalten. Das ist jetzt viel wichtiger, als drei Stunden in der Woche länger zu Hause zu sitzen.

Vor 50 Jahren sind die Arbeiter der DDR auch auf die Straße gegangen, um gegen das wachsende West-Ost-Gefälle zu protestieren.

Das können Sie nicht vergleichen. Natürlich haben die Arbeiter 1953 ihr gutes Recht wahrgenommen, für bessere wirtschaftliche Verhältnisse zu kämpfen. Der Hintergrund dieses Streiks war aber viel politischer. Das wird heute teilweise zu ideologisch gesehen. Es ging nicht nur darum, bessere Wege im System des Sozialismus zu schaffen, viele wollten das System der DDR ganz abschaffen. Und dafür gab es nach meiner Meinung keinen Anlass – jedenfalls damals nicht.

Fast 40 Jahre später scheiterte die DDR dann aber doch – vor allem ökonomisch.

Das will ich nicht bestreiten. Ende der Achtzigerjahre zeigte sich, dass die DDR-Wirtschaft, mit ihr aber die Wirtschaft aller anderen sozialistischen Staaten in Osteuropa, nicht leistungsfähig genug war, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

Womit der Beweis erbracht war, dass der Sozialismus grundsätzlich nicht funktioniert?

Das sehe ich ein wenig anders. So wie sich das in der DDR abgespielt hat, war es zweifellos gegen die freie Marktwirtschaft nicht konkurrenzfähig. Der Kapitalismus ist allerdings auch nicht perfekt. In vielen Ländern der Erde ist er nicht in der Lage, für Wohlstand zu sorgen. Denken Sie an die Millionen Menschen, die in freiheitlichen Wirtschaftssystemen hungern müssen. Mit meinem heutigen Wissen über beide Systeme könnte ich mir vorstellen, dass sich aus der Kombination etwas Neues machen ließe.

Ein „dritter Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus wie ihn der Wirtschaftswissenschaftler Ota Sik propagierte?

So in etwa. Oder wie die verstorbene Publizistin Marion Gräfin Dönhoff gefordert hat, den Kapitalismus zu zivilisieren.

Und wie macht man das?

Man kann doch nicht auf immer und ewig alles nur danach beurteilen, ob es sich rechnet. Ich will Ihnen das an einem Beispiel aus Moskau erklären. Das Bolschoitheater muss dringend saniert werden. Da hat sich die russische Regierung trotz aller staatlichen Finanznöte entschieden, gleich nebenan ein neues Theater zu bauen, damit während der langen Umbauzeit weiter gespielt werden kann. Und wir machen hier ein Theater nach dem anderen zu. Ich will damit nur sagen, dass es neben dem Profit andere erstrebenswerte Ziele wie Kultur oder Bildung gibt, die viel wertvoller sein können.

Auch Sie haben sich dem Profit gebeugt, als sie das Eisenhüttenkombinat Ost in eine Eko Stahl Aktiengesellschaft umbauten. Von 12 000 Arbeitsplätzen blieben nur 3200.

Wenn Sie das an meinen eigenen Idealvorstellungen messen, war das sicher unbefriedigend. Aber es gab keine Alternative. Preise und Löhne sind praktisch über Nacht auf Westniveau umgestellt worden, der traditionelle Handel mit dem Osten brach durch die Einführung der D-Mark schlagartig zusammen. Das war das Ende vieler DDR-Betriebe. Eko hat es glücklicherweise überlebt.

Es hat den Steuerzahler auch einiges gekostet.

Nennen Sie mir einen Stahlkonzern in Westeuropa, der nicht irgendwann einmal staatliche Hilfen in Anspruch genommen hat. Die gesamte britische Stahlindustrie ist mit Steuergeld saniert worden. In Frankreich sind ewig Subventionen geflossen. Das Geld ist in Eisenhüttenstadt gut investiert.

Einer der Leuchttürme, von denen Einigungskanzler Helmut Kohl immer geträumt hat?

Davon gibt es ja leider nicht viele im Osten. Sehen Sie sich doch mal um, fast anderthalb Jahrzehnte nach der Wende. Auch ein Leuchtturm wie das künftige BMW-Werk Leipzig ist eine ganz fantastische Sache. Aber am Gesamtbild ändert das nichts.

War es nicht trotzdem ein typischer planwirtschaftlicher Fehler, ein komplett neues Stahlwerk samt dazugehöriger Stadt auf die grüne Wiese zu setzen?

Ganz und gar nicht. Die DDR hatte in der Nachkriegszeit keine Alternative, weil der Westen sein Stahlembargo ausgerufen hatte. Für die DDR-Wirtschaft war der Bau eines neuen großen Stahlwerks eine Existenzfrage. Der Maschinen- und Anlagenbau wäre praktisch zusammengebrochen. Dass die Wahl auf die Oderregion fiel, hatte einen einfachen Grund. Hier lebten Tausende von Flüchtlingen und die brauchten Arbeit. Diese Form der Strukturpolitik ist nichts DDR-typisches. Das gab es im Osten wie im Westen.

In Deutschland wird heute erbittert über die Reformfähigkeit des Systems gestritten. Wie dramatisch ist die Lage?

Die soziale Marktwirtschaft hat sich im Grundsatz bewährt. Nur gibt es einige Fehlentwicklungen und da ließe sich durchaus einiges aus dem untergegangenen DDR-System übernehmen. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Vereinigung tun wir uns leider immer noch schwer, objektiv über das DDR-System zu urteilen. Da wird alles in Bausch und Bogen verdammt.

Ein bisschen DDR-Nostalgie?

Überhaupt nicht. Nehmen Sie nur die Ganztagsschule. Der Streit um das niedrige Bildungsniveau hat ergeben, dass diese Einrichtungen möglicherweise eine vernünftige Alternative sind. Früher herrschte im Westen die Meinung vor, Ganztagsschulen seien von den bösen Kommunisten erfunden worden, um die Kinder ihren Eltern zu entfremden. Was mich auch überrascht hat: Der Verwaltungsapparat in der Marktwirtschaft ist mindestens so groß ist wie in der Planwirtschaft. Dabei gibt es doch gar nicht so viel zu lenken und zu planen.

Welchen Titel haben Sie lieber getragen? Den des Generaldirektors eines sozialistischen Kombinats oder den des Vorstandsvorsitzenden einer privaten Aktiengesellschaft?

Der Titel ist nicht entscheidend. Beides drückt die Stellung aus, die ich wahrzunehmen hatte.

Das Gespräch führte Dieter Fockenbrock.

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