Wirtschaft : Neben der Piste

TOURISMUS: Wetterkapriolen machen den Wintersportorten zu schaffen. Wer im Geschäft bleiben will, braucht neue Ideen – mit und ohne Schnee

Juliane Schäuble

Oberammergau kämpft gegen den Klimawandel. Der bayerische Ort am Nordrand der Alpen hat sich gerade eine riesige Beschneiungsanlage geleistet. Im Internet wirbt die Gemeinde nun mit „Schneesicherheit“. Fast komplett werden die sieben Pistenkilometer mit künstlichem Schnee aufgepäppelt. Eine irrsinnige Fehlinvestition, findet Wolfgang Seiler. Denn Oberammergau, mit seiner Bergstation Kolbensattelhütte auf 1270 Metern, zählt zu den Wintersportzielen, deren Wirtschaftlichkeit als Skiort Wissenschaftler anzweifeln.

Seiler, Experte am Institut für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen, hat errechnet, dass die Durchschnittstemperatur in den Alpen in den vergangenen 120 Jahren um mehr als zwei Grad angestiegen ist – doppelt so stark wie im globalen Mittel. In den kommenden 30 bis 40 Jahren gehe es weitere zwei Grad nach oben. Die Folge: Die Skisaison verkürze sich und die Schneedecke bis 1200 Meter werde um die Hälfte abnehmen. „Für tief gelegene Skigebiete in den Nordalpen wie Oberammergau sieht es düster aus“, warnt Seiler. Warmluft aus angrenzenden Regionen würde den wenigen Schnee schnell wegschmelzen. Kein privater Investor hätte eine Anlage unter diesen Bedingungen finanziert.

„Unter den Wintersportorten wird es Gewinner und Verlierer des Klimawandels geben“, prophezeit Seiler, der die Ski-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen begleitet. Auch dort würden nun etliche neue Pisten beschneit. Aber: „In mehr als 2000 Metern Höhe, wo die Skigebiete von Garmisch liegen, gibt es immer wieder ausreichend Kälte.“ Damit sich Beschneiung rechnet, muss der Schnee lange liegen bleiben. „Pro Kubikmeter Kunstschnee fallen rund drei Euro an“, sagt Seiler. „Die Beschneiung einer mittleren, etwa 50 Meter breiten Piste kostet schnell einmal bis zu 70 000 Euro.“ Dies könne daher immer nur eine Zwischenlösung sein – für hoch gelegene Gebiete.

Aber mit einem guten Konzept könnten auch tiefer gelegene Orte interessant bleiben, sagt Seiler. „Selbst in klassischen Wintersportorten wie Garmisch-Partenkirchen tobt sich nur noch ein kleiner Teil der Gäste auf den Pisten aus.“ Die meisten wollten wandern und den Schnee genießen. „Dazu trägt der demografische Wandel bei, Touristen werden ja immer älter.“

Die klimatischen Herausforderungen für den Tourismus beschäftigen immer mehr Wissenschaftler. An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wird gerade eine Forschungsgruppe zusammengestellt, die nach Anpassungsstrategien suchen soll. Für den dortigen Tourismusexperten Harald Pechlaner haben Wintersportorte zwei Möglichkeiten: „Sie bemühen sich um völlig neue Alternativen oder erweitern ihr bestehendes Angebot.“ Das Winterprogramm müsse schneeunabhängig werden und sich künftig „rund um Natur, Kultur und Kulinarik“ orientieren. In Skiorten unterhalb von 1600 Metern müsse der Anpassungsprozess sehr schnell gehen. „Entweder sie schaffen den Innovationsprozess oder sie scheiden völlig aus“, sagt Pechlaner.

Der Experte sagt einen Konzentrationsprozess voraus: Viele kleinere Skigebiete hätten nur eine Chance, wenn sie sich mit anderen zusammenschlössen. So hätten sich schon ganze Täler zu Verbund-Skigebieten vereint. „Auch Seilbahnen werden zusammengelegt oder von Hotels gekauft“, sagt Pechlaner. Gerade in der Schweiz habe sich da einiges getan. Andere setzen auf völlig neue Ansätze. So nutzt das österreichische Söll, ursprünglich als Wintersportort in den Kitzbüheler Alpen bekannt, seine Gondelanlage inzwischen, um einen Erlebnisparcours für Familien anzubieten. „Die haben damit einen gewaltigen Erfolg. Auf einmal ist auch das Sommergeschäft interessant“, sagt Pechlaner. Bisher setzten Liftbetreiber vor allem auf den Winter, da sie in dieser Saison rund 80 Prozent ihrer Einnahmen verbuchten. Doch das ändere sich. „Eine Auslastung das ganze Jahr über ist auch betriebswirtschaftlich sinnvoll.“

Neue Wege geht auch das schweizerische Adelboden. Mithilfe von Kapitalgebern aus Dubai entsteht hier ein luxuriöses Alpenbad – für rund 44 Millionen Franken (27 Millionen Euro). Der 1350 Meter hoch gelegene Ort will an alte Kurtraditionen anknüpfen und so unabhängiger vom Wetter werden. Heubäder und Kräuterkuren sollen angeboten werden, exotische Modetrends wie Ayurveda wird man dagegen vergeblich suchen. „Das ist ein Paradebeispiel für strategische Produktentwicklung“, lobt Pechlaner. Alles passe zusammen, selbst das 4-Sterne-Hotel soll aus einheimischem Holz errichtet werden.

Die Schweizer Gemeinde Arosa setzt dagegen voll auf das (schlechte) Klimagewissen ihrer Gäste, um ihre Attraktivität zu steigern. Seit voriger Saison werden „klimaneutrale Winterpauschalen“ angeboten. Abhängig von Anreiseweg und Verkehrsmittel wird berechnet, wie viel klimaschädliche CO2-Emissionen anfallen. In Zusammenarbeit mit der Schweizer Firma Climatepartner unterstützt Arosa dann weltweite Projekte, die eine ähnliche Menge an CO2 einsparen sollen. Wählt ein Touristen diese Option, entstehen ihm bisher keine zusätzlichen Kosten und er erhält am Ende ein Zertifikat. Das Beispiel zeige, dass die Gäste sensibilisiert sind, sagt Pechlaner. „Mit solchen Ideen kann man offenbar Geld machen.“

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