Wirtschaft : Neckermann im Angebot

Die kränkelnde Versandtochter soll 2007 an die Börse gebracht oder verkauft werden – der Markt jubelt

Maren Peters

Berlin - Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff hat die Geduld mit seiner schwächelnden Versandhaustochter Neckermann verloren. 2007 soll sie an die Börse gehen oder verkauft werden, kündigte der Essener Einzelhandelskonzern am Dienstag an. Karstadt will sich in Zukunft ganz auf seine zweite Versandtochter Quelle konzentrieren, die stärker ins Internetgeschäft einsteigen und auch im Teleshopping Fuß fassen soll. Die Börse jubelte. Der Kurs der Karstadt-Quelle-Aktie setzte sich gestern mit großem Abstand an die Spitze des M-Dax, in dem die mittelgroßen Werte versammelt sind.

Mit der angekündigten Trennung von Neckermann setzt Middelhoff den Ausverkauf bei Karstadt-Quelle fort. Seit der frühere Bertelsmann-Manager Middelhoff im Mai 2005 an die Spitze des damals hochverschuldeten Konzerns gerückt ist, hat er nicht nur Filialisten wie Sinn-Leffers, Wehmeyer, Runners Point und Golf House verkauft, sondern sich auch von 74 kleineren Warenhäusern verabschiedet. Zuletzt verkauften die Essener fast sämtliche Konzernimmobilien an ein Gemeinschaftsunternehmen mit Goldman Sachs. Mit dem Erlös löste Middelhoff die hohen Bankschulden ab.

Die Versandhäuser Quelle und Neckermann hatten sich in den vergangenen Jahren zum Sorgenkind des Konzerns entwickelt. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres brachen die Umsätze der Versandtöchter um fast zehn Prozent ein. Noch im dritten Quartal wies die Versandsparte einen operativen Verlust von 61 Millionen Euro aus. Der Umsatz ging im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent zurück. 2007 soll der Geschäftsbereich den Planungen zufolge wieder die Gewinnzone erreichen. Die wachsenden Verluste der Sparte machten die Sanierungserfolge in der Warenhaussparte weitgehend zunichte.

Wie es in Analystenkreisen heißt, bevorzugt Karstadt-Quelle einen Verkauf über die Börse. „Dies würde den höchsten Verkaufserlös bringen“, sagte ein Handelsexperte. Nach Ansicht eines Firmensprechers könnte dabei der boomende Internethandel von Neckermann.de für Anleger das ausschlaggebende Argument sein, denn inzwischen vertreibe das Haus die Hälfte seiner Waren über das Netz.

„Neckermann geht mit hoher Sicherheit an einen oder mehrere Finanzinvestoren“, sagte Xaver Zimmerer, geschäftsführender Gesellschafter der M&A-Beratung Interfinanz, dem „Handelsblatt“. In Deutschland gebe es neben dem Handelskonzern Otto keinen Wettbewerber, der Neckermann.de aus eigener Kraft übernehmen könne.

Europas größter Versandhändler Otto winkt bereits ab. „Wir haben an Neckermann in Gänze kein Interesse“, sagte Sprecher Thomas Voigt dem Tagesspiegel. Otto decke mit eigenen Versandmarken wie Bauer und Schwarz die gesamte Zielgruppe von Neckermann bereits ab. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass das Kartellamt einem Zusammenschluss voraussichtlich nicht zustimmen würde. Die Hamburger können sich allerdings vorstellen, Spezialversender zu übernehmen. „Wenn sie angeboten werden, hätten wir Interesse“, sagte Voigt. Noch hätten aber keine Gespräche stattgefunden.

Die Entscheidung, Neckermann zu verkaufen, könnte auch den Touristikkonzern Thomas Cook in eine ungewisse Zukunft stürzen. Hatte Middelhoff vor kurzem noch Interesse bekundet, die von der Lufthansa gehaltenen 50 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen übernehmen zu wollen, steht der Deal nun wieder in den Sternen. Denn als einen der wichtigsten Vertriebswege für den Ferienflieger hatte Middelhoff sein konzerneigenes Onlinekaufhaus Neckermann.de bezeichnet. mit HB

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