Negative Inflation : Die Preise fallen

In diesem Jahr könnte sich die Rabattschlacht des Sommerschlussverkaufs bis in den Herbst hinziehen. Lebensmittel-Discounter, Auto- und Elektronikhändler wollen mit Tiefstpreisen mehr Umsatz machen. Auch deshalb ist beim Konsumklima von Krise nichts zu spüren.

Carsten Brönstrup
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Supersaison. In diesem Jahr dauert der Schlussverkauf lange, weil der Druck auf die Preis noch einige Monate anhält. -Foto: ddp

Berlin – Die Schilder und Plakate in deutschen Fußgängerzonen sind rot und knallig wie immer Anfang August. „Ausverkauf!“, oder „70 Prozent Rabatt. Doch in diesem Jahr dürfte sich die Rabattschlacht des Sommerschlussverkaufs bis in den Herbst hinziehen. „Bis einschließlich Oktober könnte die Inflationsrate negativ bleiben“, prophezeit Simon Junker, Wirtschaftsforscher bei der Commerzbank. Im Juli sind die Verbraucherpreise bereits gesunken – um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das war das erste Mal seit mehr als 20 Jahren. Ursache ist vor allem der Preisrutsch bei Benzin (minus 21 Prozent) und Heizöl (minus 46 Prozent) gegenüber dem vergangenen Jahr. Nahrungsmittel verbilligten sich im Schnitt um 1,8 Prozent. Das liegt zum einen daran, dass die Nachfrage aus aller Welt zurückgegangen ist. Hinzu kommen die Folgen der Wirtschaftskrise. „Wenn die Arbeitslosigkeit steigt und der Konsum darunter leidet, haben die Unternehmen weniger Spielraum für Aufschläge“, erklärt Analyst Junker. „Das bedeutet zugleich, dass Discounter wachsen und der Druck auf die Preise hoch bleibt“, sagt Herbert Kuhn von der Unternehmensberatung Trade Dimensions.

Die Supermärkte wollen einer möglichen Kaufzurückhaltung vorbeugen und versuchen, mit Tiefpreisen möglichst viel Umsatz zu machen. Die Verbraucher bekommen also mehr fürs Geld. Auch deshalb ist beim Konsumklima von Krise nichts zu spüren.

Die kräftigsten Nachlässe gewähren derzeit die Autohäuser. „Die Rabattspirale dreht sich kräftig weiter“, stellt der Duisburger Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer fest. Er hat im Juli 348 Rabattaktionen hierzulande gezählt – so viele wie noch nie. Die größte Ermäßigung gab es mit gut 57 Prozent (einschließlich Abwrackprämie) für den Kleinwagen Nissan Micra. Dudenhöffer zählte 61 Modelle mit einem Abschlag von 30 bis 40 Prozent auf dem deutschen Markt. „Die Autobauer werden auch in den nächsten Monaten die Rabatte eher weiter ankurbeln, um die Endrallye bei der Abwrackprämie zu gewinnen“, sagt er.

Auch bei den Lebensmitteln ist die Konkurrenz hart. „Wir erleben derzeit die größte Preisschlacht aller Zeiten“, klagt Matthias Horst, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE). So koste 1,5 Liter Mineralwasser derzeit nur noch 19 Cent, „das ist weniger als das Pfand“. Eine ähnliche Entwicklung gebe es bei anderen alkoholfreien Getränken sowie bei Milch und Milchprodukten. Auch Horst fürchtet einen weiter steigenden Druck, sollte sich die Arbeitsmarktlage im Herbst erwartungsgemäß verschlechtern. „Wir fürchten, dass das auf das Preisniveau in der gesamten Branche durchschlägt.“ Denn in Deutschland werde immer zuerst an den Lebensmitteln gespart.

Schon zur Normalität ist der Preisverfall bei Elektronik geworden. „Dort, wo es viele Innovationen gibt, wird sich daran nichts ändern“, glaubt Olaf Roik vom Einzelhandelsverband. Auch bei Waren des täglichen Bedarfs rechnet er mit „leichten Preissenkungen“. Ähnlich ist die Einschätzung von Siegfried Jacobs vom Textil-Einzelhandelsverband. „In den Regionen, wo die Arbeitslosigkeit rasch anzieht, wird es keinen Spielraum für Preiserhöhungen geben.“ Einen dauerhaften Preisrutsch sehen die Fachleute allerdings nicht. Schon im kommenden Jahr soll die Inflationsrate wieder bei einem Prozent und darüber liegen, erwarten die Ökonomen.

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