Wirtschaft : Neidische Blicke

Markus Hesselmann

DAS TESTURTEIL: 6 PUNKTE

0 Punkte: Hände weg und alle Bekannten warnen, 5 Punkte: Noch mal drüber schlafen, 10 Punkte: Sofort kaufen
Wo kann man einen Regenschirm besser testen als in London? Zumal es hier in diesen Tagen nicht nur im Klischee, sondern auch in der Realität ziemlich regnerisch ist. Und windig dazu. Darüber hinaus wohnt der Tagesspiegel-Korrespondent auf einem der vielen Londoner Hügel, wo er den Elementen schutzlos ausgeliefert ist. Da reicht ein Regenschirm von Ikea nicht. Da muss was Besonderes her. Und das muss nach was aussehen. Schließlich ist London nicht nur die Hauptstadt des Sauwetters, sondern auch die Hauptstadt des Stils.

Ich habe mir also im Netz einen Senz Umbrella bestellt. Einen Schirm in aerodynamisch länglicher Form, gefertigt, um Windstärke zehn standzuhalten. Der Schirm kommt per Post ins Haus. Für 49,95 Euro plus Versandkosten, denn Stil hat seinen Preis. Ein tiefschwarzes Teil entgleitet der Schutzhülle. Ein Knopfdruck, ein Ziehen am Knauf, schon reckt und streckt es sich in Positur. Wow. Dieses Gerät sieht ja aus wie eine Flugausrüstung für Batman. Oder – das ist jetzt kein politisch korrekter, aber doch ein nahe liegender Vergleich – wie ein amerikanischer Tarnkappenbomber.

Als Tarnkappe taugt dieser Schirm aber nicht. Unter dem Radar der Passanten kann man damit nicht durchfliegen. Gleich beim ersten Ausprobieren spüre ich die neidischen Blicke um mich herum. Oder denken die: Was ist denn das für ein Spinner? Egal. Die auffällige Form bringt auf jeden Fall Angeberpunkte.

„Erfahren Sie Regen als flüssigen Sonnenschein“, steht in der Gebrauchsanweisung. Leider rinnt mir der flüssige Sonnenschein bald an beiden Schultern hinab. Durch das lang gezogene Design des Schirms bleibt der Rücken, das schmerzanfällige Gebilde, tadellos trocken. Doch etwas kräftiger gebaute Kunden werden an den Seiten nass. Mit romantischen Regenspaziergängen zu zweit ist jetzt auch Schluss. Den Sportwagen unter den Schirmen genießt der Kenner ganz für sich.

Doch dem böigen Wind auf meinem Hügel hält das Gerät mühelos stand. Kein Wackeln, kein Knicken, die schwarze Fuchtel steht im Wind wie eine Eins. Punktabzug gibt es bei der Ergonomie. Zusammengelegt ragen die beiden längeren, hinteren Stangen des Schirms bis auf den Handgriff hinauf. Hilfreich ist die längliche Bauweise im Vergleich zum traditionellen runden Format dann wieder zu Hause. Der aufgespannte Senz Umbrella tropft im Bad weniger Platz raubend ab als herkömmliche Schirme. Friedlich ist der Tarnkappenbomber in meiner Wanne gelandet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben