Wirtschaft : Nervöse Märkte bringen Geld

Börsen in Frankfurt und London melden Ergebnisse wie zu Boom-Zeiten

-

Frankfurt (Main)/London (ro/rtr). Der Kursverfall an den Finanzmärkten lässt die Betreiber der Börsen unberührt. Die Deutsche Börse AG meldete am Donnerstag für das vergangene Jahr Rekordzahlen und peilt für 2003 neue Bestmarken an. Auch ihr Erzrivale, die London Stock Exchange (LSE), legte gute Zahlen vor. Durch den Kursverfall sieht Werner Seifert, Vorstandschef der Deutsche Börse AG, die Aktie nicht im Zwielicht. Als Finanzierungsinstrument sei sie ohne Alternative. „Wir können das Wachstum nicht über Anleihen finanzieren. Und die Banken können ohnehin nicht genügend Kredite ausreichen“, sagte Seifert. Jetzt müssten die Aktiengesellschaften transparenter werden und Bilanzskandale durch Strafen und eine bessere Auswahl der Prüfer verhindert werden.

Für Seifert liegt die Ursache der anhaltenden Kurstalfahrt weniger im durch Skandale eingetretenen Vertrauensverlust als in der hohen Verschuldung der Unternehmen. Die sei entstanden, indem Unternehmen Ende der neunziger Jahre eigene Aktien gekauft und damit den Kurs künstlich in die Höhe getrieben hätten. Über diesen Weg sei mehr Geld an die Börse gekommen als durch Börsengänge.

Dividende steigt um 20 Prozent

Die Deutsche Börse selbst ist durch die Baisse kaum betroffen. Im Gegenteil: Im laufenden Jahr soll der VorsteuerGewinn um 30 Prozent auf 440 bis 460 Millionen Euro steigen. Damit könnte nach den Worten von Finanzchef Mathias Hlubek auch die Dividende (Lexikon Seite 20) um 20 Prozent angehoben werden. Der Irak-Krieg, lässt Seifert durchblicken, wird das Geschäft kaum beeinträchtigen. Das erhöhe die Schwankungen der Kurse. Für Absicherungsgeschäfte biete die Deutsche Börse die richtigen Produkte. „Das spüren wir.“ Positiv bemerkbar machen wird sich nach Angaben von Hlubek auch die Übernahme des Abwicklungshauses Clearstream. Bereits 2002 habe man dadurch die Kosten um 55 Millionen Euro senken können.

Weitere Akquisitionen plant die Börse derzeit nicht. „Wir wollen organisch wachsen“, sagt Seifert. Finanziell sei man aber bereit. Die Deutsche Börse habe kaum Schulden, eine hohe Liquidität und ein sehr gutes Rating. Außerdem könne der Spielraum durch eine Kapitalerhöhung ausgeweitet werden.

2002 hatte die Deutsche Börse den Umsatz um 46 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro gesteigert. Entscheidend dafür war vor allem die Übernahme von Clearstream. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen stieg um 26 Prozent auf 351 Millionen Euro. Die Dividende wird um 22 Prozent auf 44 Cent angehoben. Durch die Clearstream-Übernahme erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten von 1100 auf 3300.

Trotz der guten Zahlen mahnte Bundesbank-Präsident Ernst Welteke die deutsche Finanzbranche zur Bescheidenheit. „Den Gedanken, dass wir einen Wettbewerb mit dem Finanzplatz London gewinnen könnten, sollten wir vergessen“, sagte er in Weimar.

Denn auch die London Stock Exchange (LSE), schärfster Konkurrent der Deutschen Börse, meldete am Donnerstag gute Zahlen. Die Umsätze in den elf Monaten bis Ende Februar seien dank eines starken elektronischen Handels gestiegen. Die Volumina hätten trotz des schwierigen Marktumfelds um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugelegt, die Aktivität auf der elektronischen Handelsplattform sogar um 54 Prozent auf durchschnittlich 106 000 Geschäfte täglich, teilte Europas größter Börsenbetreiber mit. Für das laufende Geschäftsjahr (per Ende März) erwartet die LSE „zufrieden stellende Ergebnisse“. Im Parketthandel gingen die Handelsvolumina in den elf Monaten indes um 15 Prozent zurück. Die Zahl der Neuemissionen sank auf 194 von 268 im Vorjahreszeitraum.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben