Neue Armut : Ausbezahlt - Trotz Vollzeitbeschäftigung arm

In Deutschland steigt die Zahl der Menschen, die von ihrem Verdienst nicht leben können und zusätzliche Leistungen vom Staat erhalten. Macht Arbeit arm?

Yasmin El-Sharif,Antje Sirleschtov

Ganz klar nein. Arbeit macht nicht arm. Die praktische Rechnung, die jeder leicht aufmachen kann ist: Wer nicht arbeitet und vom Hartz-IV-Satz plus Wohnkosten leben muss, hat womöglich monatlich nicht wesentlich mehr Geld zur Verfügung, als jemand, der einen Teil seines Einkommens vom Staat erhält. Aber wer arbeitet, hat auch die Chance, sein Einkommen zu erhöhen. Und dass das vielen sogar rasch gelingt, zeigen Untersuchungen der Bundesagentur für Arbeit. Die sogenannten Aufstocker sind nämlich nach aller Erfahrung nicht Menschen, die jahrelang zu Billiglöhnen arbeiten und zusätzlich vom Staat aufstockende Leistungen erhalten. Die meisten der Aufstocker bleiben in diesem Status nur für kurze Zeit. Bedrohlich für die gesellschaftliche Entwicklung ist allerdings, dass es in Deutschland immer mehr Menschen gibt, die den ganzen Tag, also in Vollzeit, arbeiten und trotzdem nur so wenig Geld verdienen, dass sie staatliche Hilfe benötigen.

Wie viele Aufstocker gibt es?

Seitdem es die Möglichkeit des Aufstockens gibt, das ist seit Anfang 2005 der Fall, ist die Zahl der Empfänger stetig gestiegen. Allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres legte sie um 65 000 auf 1,35 Millionen zu. Besonders auffällig ist, dass auch die Gruppe der Aufstocker, die mehr als 800 Euro im Monat verdient, im selben Zeitraum um etwa 16 000 auf rund 385 000 geklettert ist. Der DGB mutmaßt, dass dies überwiegend Vollzeitbeschäftigte sind. Berlin nimmt bei den Aufstockern einen traurigen Spitzenplatz ein. Hier wurden im Juli dieses Jahres rund 102 500 Aufstocker gezählt. Das waren nicht nur 6100 mehr als im Januar. Auch machen sie damit fast zehn Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Hauptstadt aus. Laut DGB gibt es in keiner anderen Großstadt Deutschlands so viele Aufstocker wie in Berlin. Auch in Brandenburg sieht es nicht viel besser aus – hier nahm die Zahl der Aufstocker im ersten Halbjahr um etwa 3000 auf nunmehr 46 400 zu. Wie viele Vollzeitbeschäftigte unter den Aufstockern in Berlin und Brandenburg sind, geht aus den Daten der regionalen Arbeitsagentur nicht hervor.

Warum gibt es immer mehr Aufstocker?

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass immer mehr Menschen trotz Vollzeitarbeit staatliche Hilfe beziehen müssen. Der ökonomische Grund hängt mit der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse zusammen. Seit es in ganzen Branchen keine starken Gewerkschaften mehr gibt, die für Mindestlöhne in den Unternehmen sorgen, gibt es immer mehr Menschen, die für weniger als ihr Existenzminimum arbeiten gehen müssen. Mit den Reformen unter der rot-grünen Bundesregierung ist auch der Druck auf die Arbeitslosen weiter gewachsen, Jobs anzunehmen, die so schlecht bezahlt werden, dass man vor zehn Jahren stattdessen lieber arbeitslos geblieben wäre.

Wer ist betroffen?

Es gibt keine homogene Gruppe von Betroffenen. Oft handelt es sich um Beschäftigte mit Kindern, denn die Anwesenheit von Kindern erhöht das familiäre Grundeinkommen, das der Staat als Existenzminimum ansieht, rasch. Wenn nur ein Elternteil Arbeit hat und zwei Kinder im Haushalt leben, dann muss man schon recht gut verdienen, um diesen Mindestwert „allein“ erarbeiten zu können. Betroffen sind insbesondere auch Menschen mit geringer Qualifikation und Beschäftigte in Dienstleistungsbranchen und in der Gastronomie. Und nicht zuletzt Leiharbeitnehmer. Wie lange die Betroffenen von solchen Hilfen leben, ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Als Faustformel gilt, dass rund ein Drittel von ihnen ein ganzes Jahr und länger in dieser Aufstocker-Situation leben. Allerdings sind das bei Weitem nicht alles Menschen mit Vollzeitjobs.

Nutzen Firmen die Hilfen aus, um günstige Arbeitskräfte zu bekommen?

Ja und Nein. Im Prinzip lohnt sich das bewusste Ausnutzen kaum, denn von der Arbeitsagentur Geld zu erbitten, ist ein bürokratischer Akt, der den Betroffenen nicht leicht fällt. Arbeitgeber, die deshalb bewusst auf niedrige Löhne setzen und die Mitarbeiter zum Amt schicken, damit sie sich zusätzlich von dort bezahlen lassen, laufen Gefahr, dass die Mitarbeiter sofort kündigen, wenn sie eine andere Chance erhalten. Dass das Ärger in die Firma bringt, ist vielen Unternehmern klar. Man hört jedoch immer wieder von Arbeitsagenturen und Unternehmen, die einen „Deal“ machen. Nach dem Motto „Jeder zahlt die Hälfte des Lohnes“ wird von vornherein ein „Aufstocker-Job“ kreiert. Gerade in strukturschwachen Regionen, wo es wenige Firmen gibt, ist deren Macht und die Not der Arbeitsagenturen so groß, dass solche Lösungen zulasten der Menschen herauskommen.

Könnte ein Mindestlohn helfen?

Einigen der Aufstocker könnte das helfen. Allerdings nur den Singles. Denn der Arbeitgeber kann ja nicht per Mindestlohngesetz verpflichtet werden, dem Vater von vier Kindern 2500 Euro im Monat zu zahlen, während der Alleinstehende für die gleiche Arbeit nur 1000 Euro – den Mindestlohn – bekommt. Ein Mindestlohn wird immer ein Stundenlohn sein, der sich am Existenzbedarf eines Arbeitnehmers orientiert. Wenn jemand Familie hat und nur diesen Mindestlohn verdient, dann wird er trotz eines Mindestlohns Aufstocker sein – seiner Familie wegen.

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