Wirtschaft : Neue Bundesländer: Immer mehr Ostdeutsche suchen Arbeit im Westen

bir/dro

Immer mehr Ostdeutsche ziehen in die alten Bundesländer, auch wenn der Start in der neuen Heimat nicht immer leicht ist. "Die Gründe für den Drang in den Westen sind fast ausschließlich arbeitsbedingt", erklärt Professor Hans-Joachim Beyer, Leiter des Hauptstadtbüros des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW). So waren es 1999 mehr als 195 000 Bürger aus den neuen Ländern und Berlin Ost, die in den alten Bundesländern eine neue Berufschanche suchten.

Dabei sah es nach der großen Abwanderungswelle in den ersten Jahren nach dem Mauerfall so aus, als ob die Zahl der "modernen Mauerspringer" wieder kontinuierlich abnehme: Verließen 1991 noch fast 250 000 Ostdeutsche ihre Heimat Richtung Westen, waren es 1997 nur noch 167 789. Dieser Trend hat sich inzwischen aber wieder drastisch umgekehrt und konnte auch durch den Zuzug von Westdeutschen in die neuen Bundesländer nicht ausgeglichen werden. Besonders stark sind dabei die Bundesländer Sachsen, Brandenburg sowie der Ostteil Berlins betroffen.

So nahm beispielsweise die Einwohnerzahl von Cottbus in den vergangenen sieben Jahren von über 128 000 auf 108 241 Einwohner ab. Allein im Jahr 2000 kehrten fast 7000 Cottbusser der zweitgrößten Stadt Brandenburgs den Rücken. Mehr als die Hälfte davon ging in die alten Bundesländer. Aber auch von Thüringen zieht es viele vor allem in das benachbarte Oberfranken, wie Helmut Keilhauer vom Landesarbeitsamt Bayern in Nürnberg sagt.

Vor allem junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren machen sich auf den Weg in den Westen. Zunehmend ziehe es aber auch komplette Familien in den Westen.

Besonders beliebte Ziele sind Bayern und Baden-Württemberg. Das hat auch seinen Grund: Im Süden und Südwesten werden oft mehr als anderswo Fachkräfte gesucht. Die exportorientierte Automobilindustrie, deren Zulieferer, aber auch die IT-Branche brauchen Fachleute. "Im gewerblich-technischen Bereich spürten wir eine deutliche Knappheit", sagte Bernd Engelhardt von der Industrie- und Handelskammer in Stuttgart. So ist etwa Emil Werbitzky, Geschäftsführer der Werkzeugmaschinenfabrik Walter in Göppingen, nicht erst einmal nach Schwarzenberg und Halle gefahren, um dort gemeinsam mit dem Arbeitsamt nach geeigneten Mitarbeitern zu suchen. Bisher ist er mit seinen neuen Werkzeugmachern und Fräsern aus dem Osten Deutschlands zufrieden. "Das sind fleißige Leute."

Groß ist die Nachfrage nach wie vor auch im Hotel- und Gaststättengewerbe. "Wir suchen händeringend nach Leuten", sagte Marc Schnerr vom Deutschen Hotel und Gaststättenverband (Dehoga) in Berlin. Die Branche hat deshalb gemeinsam mit verschiedenen Landesarbeitsämtern Aktionen gestartet, um Mitarbeiter anzuwerben. Von Überlingen am Bodensee ist beispielsweise eine Delegation nach Gera gefahren, um über die Arbeitsmöglichkeiten in Württemberg zu informieren. "Der Aufwand hat sich gelohnt", sagt Bernd Daringer vom Dehoga in Ravensburg. Leider hätten aber einige Bewerber Probleme gehabt, in der Region Fuss zu fassen. "Das Heimweh war doch stärker", bedauert Daringer.

Dies ist auch die Erfahrung von Wieland Henning vom Landesarbeitsamt in Stuttgart. Die familiären und regionalen Bindungen seien oft sehr stark. "Die Ergebnisse der Kooperationen sind bisher noch mäßig", so seine nüchterne Bilanz. Schwierig sei es vor allem auch für Lehrlinge, weit weg von der Familie mit einem knappen Lehrlingsgehalt auszukommen.

Dennoch haben allein im Oktober 2000 rund 2300 junge Auszubildende aus den neuen Bundesländern den Absprung gewagt und sich für eine Lehrstelle in München und Oberbayern entschieden. "In München haben wir knapp 1750", erzählt Franz Schropp von der IHK in München. Besonders gefragt waren neben den IT-Berufen, Lehrstellen im Hotel- und Gaststättengewerbe. Und das hat seinen Grund: "Dort haben die Jugendlichen das Problem der günstigen Unterbringung gelöst", sagt er. "Bei den Mieten in München ein entscheidender Faktor."

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