Wirtschaft : Neue Chancen durch die Krise

PETER SEIDLITZ (HB)

Abwertungen und Umstrukturierungen stärken / Ausländische Investoren wollen in Asien bleibenVon PETER SEIDLITZ (HB)

PEKING.Die multinationalen Unternehmen denken bei ihrer Asien-Expansion langfristig, sie lassen sich nicht so leicht in ihren Investitionsplänen irritieren, auch nicht durch die gegenwärtige Krise.Denn Asien erlebt vorrangig eine Finanz- und Bankenkrise, die nicht so sehr durch eine verfehlte Budgetpolitik, wie einst in Südamerika, ausgelöst worden ist, sondern durch Fremdwährungsschulden asiatischer Konzerne, die von der Abwertung ihrer Währungen überrascht worden sind.Für westliche transnationale Unternehmen bleibt die Faszination, wie sie die Märkte in Asien ausstrahlen ­ insbesondere China und Indien mit über zwei Milliarden Menschen ­ jedoch ungebrochen. "Wir sind seit 25 Jahren in Asien", sagt Jim Cantalupo, Präsident des amerikanischen Fast-food-Konzerns McDonalds Restaurant Operations Inc."Wachstum wird es trotz der Krise auch künftig in Asien geben.Darüber gibt es in unserem Konzern gar keine Zweifel." Für ihn ist es keine Frage, daß Asien eine Krise durchmacht.Aber ähnliche Situationen habe der Konzern bereits in Südamerika gemeistert."Wir haben gelernt: Da müssen wir durch." Brasilien, so Cantalupo, sei das beste Lehrstück gewesen.McDonalds hat dort sein erstes Restaurant 1979 aufgemacht.Seither hat Brasilien sieben Wirtschaftspläne verabschiedet, fünf Währungskrisen erlebt, zwei Verfassungen, fünf Präsidenten und 14 Finanzminister verschlissen.Cantalupos Fazit: "Heute ist McDonalds in Brasilien Marktführer und in den vergangenen drei Jahren hat sich der Verkauf verdoppelt, und zwar in einer Wirtschaft, die regelmäßig in ähnlich düsterer Terminologie beschrieben wird wie heute die Märkte Asiens".Heute ist China für McDonalds der wichtigste Wachstumsmarkt, in kürzester Zeit wurden allein in Peking 50 McDonalds-Restaurants eröffnet. Ähnlich wie der McDonalds-Präsident denken auch andere US-Multis, zum Beispiel der Getränke-Produzent Edgar Bronfmann Sr., Chef des kanadischen Familienunternehmens Seagram Co."Mein Vater hat uns beigebracht, in Generationen zu denken.In zwanzig Jahren wird China der beste Markt der Welt sein", sagt Bronfmann, der gerade in China Joint-Venture-Verträge zum Aufbau einer gigantischen Orangensaft-Produktion unterschrieben hat.Schon heute ist China der drittgrößte Hersteller von Zitrusfrüchten nach den USA und Brasilien.Seagram, mit einem Marktanteilvon 41 Prozent in den USA und einem weltweiten Orangensaftverkauf von 2,1 Mrd.Dollar hat langfristige China-Pläne.Erst 2005 sollen die Produktionsanlagen nach großen Investitionen fertig sein. Langfristig denken nicht nur amerikanische, sondern auch deutsche Unternehmen.So werden zwar wohl einige interessante Asien-Aufträge für Siemens verschoben, aber der Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer ist überzeugt: "Am langfristigen Wachstumstrend in Asien wird sich nichts ändern.In Asien leben drei Milliarden Menschen, die ihre Lebenssituation verbessern und zum Standard der industrialisierten Länder aufschliessen wollen.Dazu müssen sie Kraftwerke, Telekommunikationsnetze und Verkehrsysteme bauen und die medizinische Versorgung verbessern." Siemens wird in Asien die Investitionen verdoppeln.Expansionspläne der deutschen Chemie-Giganten BASF, Bayer und Hoechst sind von der Krise unberührt.Die Volkswagen AG hat mit ihrer frühen Marktpositionierung in China (Markanteil über 55 Prozent) bewiesen, daß man Ausdauer zeigen muß. In Süd- und Nordostasien ergeben sich jetzt plötzlich Chancen, die lange Zeit verbaut waren.Asiatische Spitzenfirmen, jetzt in Liquiditätsengpässen, brauchen Partner.Finanzmärkte öffnen sich.Unternehmen und Bankengruppen steigen ein, etwa Solomon Brothers bei der thailändischen Dusit-Gruppe (Kempinski-Hotels), Singapurs Development Bank bei Thai Danau Bank, Japans Sanwa Bank bei Bangkoks Siam Commercial Bank.First Bangkok City Bank verhandelt mit dem US-Bankengiganten Citibank. Aus den Abwertungen, Fusionen und Restrukturierungen werden die asiatischen Unternehmen, die überleben, gestärkt hervorgehen.Sie werden ihre Güter noch billiger anbieten können.Damit erhöhen sich die Wettbewerbsvorteile auch für europäische Unternehmen am Standort Asien.Die Krise zwingt China und die anderen asiatischen Länder, Investoren mit Investitionsanreizen zu hofieren.China hat zum Jahresbeginn mit dem Abbau der Kapitalgüter-Importsteuern ein erstes unternehmensfreundliches Zeichen gesetzt. Bei den Börsenspezialisten wird diskutiert, wann der richtige Zeitpunkt zu einem erneuten Einstieg in Asiens Aktienmärkte kommt.Konträr denken ist gefragt.Asiatische Top-Unternehmen etwa Siam Cement in Thailand erscheinen nach drastischem Wertverfall und Bath-Abwertung attraktiv.Trotz der Bremsprogramme des IMF wächst die Wirtschaft in einigen asiatischen Ländern kräftig.Die Leistungsbilanzen in Ländern wie Thailand sind schon wieder positiv, die Haushalte ausgeglichen oder sie weisen sogar Überschüsse auf.Chinas Wachstum nahm 1997 noch um 8,8 Prozent zu, Malaysia schaffte 7,7 Prozent, Singapur fast acht Prozent.Wachstumstums-Spitzenreiter war Vietnam mit neun Prozent.Die Verlierer sind Südkorea und Indonesien.Deutlich wird, daß die chinesische Welt einschließlich Taiwan, Hongkong und Singapur besser darsteht als das übrige Asien.Hongkong wird freilich als Ausnahme gehandelt: Über der überteuerten Stadt hängt das Damokles-Schwert einer Währungs-Abwertung.

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