Wirtschaft : Neue Daten braucht das Land

Veraltete Statistik der Berliner Medienbranche ein schlechter Ratgeber

Von PETER BOLM BERLIN.Die Medien mit ganz speziellen Technologien, Software-Entwicklungen und Verbundsystemen gehören seit Jahren zu den Hoffnungsträgern der Berliner Wirtschaft.Aber trotz deutlicher Anstrengungen der für die Rahmenbedingungen verantwortlichen Politik sind klare und weithin sichtbare Konturen des vorhandenen Potentials und die daraus abzuleitenden Marktkräfte nicht recht erkennbar.Länder wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen sind da ein gutes Stück weiter und deutlicher in ihrer Struktur auszumachen. Es beginnt beim Zahlenwerk.Noch immer geistert die völlig überholte, wahrscheinlich sogar übertriebene Umsatzgröße der Branche von 20 Mrd.DM durch die Stadt.Nicht nur in Fachkreisen wird diese Dimension verständnisvoll belächelt.Um notwendige Entscheidungen und zielgerichtete Handlungsanweisungen aus dem Schatten von Vermutungen, Schönfärberei und Wunschdenken herauszuholen, ist eine Neuauflage der Medienstatistik dringend erforderlich. Dabei kann man nicht behaupten, daß es an Problembewußtsein fehlt.Ingrid Walther von der Senatsverwaltung für Wirtschaft und Betriebe äußerte sich in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel vorsichtig optimistisch, daß die Öffentlichkeit in Kürze mit einem überarbeiteten Zahlenmaterial rechnen könne.Das Vorhaben, auf dem Berliner Mediensektor für verläßliche Daten zu sorgen, trägt aber bereits im Vorfeld seiner Veröffentlichung den stillen Makel einer lediglich guten Absicht.Nur ein Beispiel: Der Springer-Konzern, ­ das Standbein an der Elbe, daß Spielbein an der Spree ­ bilanziert wichtige Teile seiner Wirtschaftskraft wie die Umsatzsteuer in Hamburg.Andere Unternehmen folgen diesem Modell.Um genaue Zahlen zu bekommen, müßte die Berliner Behörde einen Finanzmarathon quer durch Deutschland veranstalten.Da stellt sich natürlich die Frage: Ist das vor dem Hintergrund ausgedünnter Personalbestände der Mühe wert? Andere Defizite erweitern den Problemkatalog.So scheitert die präzise Erfassung der immer aggressiver ins Marktgeschehen eingreifenden Teilbranche Multimedia nicht nur an den Schwierigkeiten einer für alle verbindlichen Definition.Auch die entsprechenden Verbände sind überfordert, wenn sie von ihren Mitgliedern spezifische Firmenbeschreibungen abrufen sollen, die statistische Relevanz haben.Auch technologische Revolutionen brauchen offenbar Zeit, um sich den Weg durch die bürokratischen Instanzen zu ebnen.An dieser Stelle aber ist Berlin nicht die Ausnahme.Auch in den anderen Regionen Deutschlands und Europas hat man sich längst mit der Ausrede abgefunden, daß Statistiktreue bei Multimedia eher der Erbsenzählerei gleichkommt. Zum Vorteil der Berliner Akquisiteure, die immerhin schon auf die Datenbanken im Internet (www.mediaweb-berlin.de) oder das virtuelle Softwarehaus (www.softwarehaus-bb.de) verweisen können, steckt durchaus nicht in jedem Datenapfel der Wurm.Mit zehn Tageszeitungen, vier Sonntagszeitungen, einer Wochenzeitung, neun Stadtmagazinen und einer Vielzahl von Zeitschriften, Anzeigenblättern und Buchverlagen gehört die Hauptstadt mit an die Spitze der deutschen Verlagsmetropolen. Pfunde, mit denen die Hauptstadt wuchern könnte, gibt es ­ auch mit Hinweis auf die lange Liste der Förderinstrumente ­ in der Tat genug.Hier verrät Ingrid Walther allerdings kein Geheimnis, wenn sie auf die Defizite in der nur häppchenweise verabreichten Außendarstellung der vorhandenen Möglichkeiten verweist.Wer Märkte erobern will, darf nicht kleckern.Schon mehr Mut im Sinne der eigenen Sache macht der Senatshinweis, daß bei den Mitbewerbern inzwischen alle Lampen glühen, wenn der Name Berlin fällt.Die Berliner Konkurrenz ist erkannt und gewinnt vor allem in Anlehnung an den näherrückenden Regierungsumzug zusammen mit den großen Geleitzügen der Nachrichtenkonzerne immer mehr an Gewicht.Hier geht es "nur" noch darum, kein Terrain zu verschenken, die richtigen Empfangskommandos bereitzuhalten und die Vielzahl der Chancen optimal zu nutzen.

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