Wirtschaft : Neue deutsche Welle

Bislang hat die Industrie nur Fabriken ins Ausland verlagert. Jetzt folgen die Verwaltungen – das bedroht die Jobs der Mittelschicht

C. Brönstrup[F. Wisdorff],A. Waldermann[F. Wisdorff]

Jetzt kommt die Globalisierung auch nach Luckenwalde. Und sie bringt nichts Gutes für das brandenburgische Städtchen: Rund 20 Arbeitsplätze will die Märkische Oberflächen- und Behälterbau GmbH im kommenden Jahr womöglich verlagern – nach China. „Beim Bau von Reinigungsmaschinen haben wir gegen die Preise der Konkurrenz aus China, Indien und Japan keine Chance mehr“, sagt Werner Meißner, der Geschäftsführer. „Wir haben seit eineinhalb Jahren für einfachere Maschinen keine Aufträge mehr gewonnen – wenn wir in China produzieren, können wir wieder mithalten“, hofft er.

Im schwäbischen Göppingen kennen sie die Globalisierung längst. Beim Modellbahnbauer Märklin sollen 400 der 1100 Jobs verlagert werden – unter anderem nach Györ in Ungarn. Der Grund auch hier: die Lohnkosten. Und zahlreiche Antriebe für Motorsägen von Stihl, einst ein urdeutsches Produkt, kommen demnächst aus Fernost. In China sei die Arbeitsstunde um 90 Prozent billiger. „Einfach konkurrenzlos“, schwärmt ein Firmensprecher.

Das ist neu: Nicht mehr nur Großkonzerne nutzen die Globalisierung und verlagern Fabriken dorthin, wo es am günstigsten ist. Auch der Mittelstand packt seine Siebensachen. 36 Prozent der befragten Manager kleinerer Unternehmen wollen verstärkt im Ausland investieren, ergab eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Ein Jahr zuvor strebten nur 30 Prozent über die Grenze. Sie wollen nicht nur neue Märkte erschließen, sondern vor allem eines: Kosten senken.

Für die deutsche Wirtschaft wird dies zu einer wachsenden Bedrohung: Zwar ist das Land Exportweltmeister, doch echte Wertschöpfung findet oft nur im Ausland statt. Vorproduzierte Produkte werden hier zu Lande nur noch zusammengeschraubt und mit dem Label „Made in Germany“ verkauft. Auch deshalb, vermuten Experten, kommt der Arbeitsmarkt kaum in Gang, obwohl das Bruttoinlandsprodukt 2004 um zwei Prozent wächst.

Und es sind nicht mehr allein Stellen in der Produktion, die von der Verlagerung betroffen sind. Jetzt müssen sich auch Beschäftigte in oft anspruchsvolleren Dienstleistungsjobs sorgen. Der Softwarekonzern SAP etwa erwägt, Lohnbuchhaltung und Reisekostenabrechnung nach Prag zu verlagern. Und die Commerzbank kündigte jüngst an, Teile der Abwicklung und der Informationsverarbeitung ins polnische Lodz zu verschieben. Stephan Scholtissek, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Accenture, nennt das Outsourcing von Verwaltungs- und Dienstleistungsabteilungen die „dritte Revolution in der Wertschöpfung“. Von jedem Euro, den Wirtschaft und Staat dafür ausgeben, ließen sich rein rechnerisch 11,6 Cent einsparen, hat Accenture ausgerechnet. Insgesamt könne die deutsche Wirtschaft 40 Milliarden Euro an Wertschöpfung durch die Auslagerung „belastender und schwerfälliger Verwaltungen“, die nicht zum Kerngeschäft eines Unternehmens zählten, einsparen.

Vor allem bei Banken, sagt Scholtissek, gebe es noch Reserven. In der Branche kursiere der Scherz, wenn Volkswagen wie eine deutsche Großbank arbeiten würde, müsste der Autobauer für die Produktion der Ledersitze seines Top-Modells Phaeton eine eigene Rinderzucht betreiben. Scholtissek: „Wie zu Fords Zeiten die Standardisierung in den Fabriken die Voraussetzung für eine Revolution schuf, so müssen heute Dienstleistungen standardisiert und industrialisiert werden.“

Eine Alternative dazu gibt es nicht, findet Fred Schneidereit, Partner bei der Beraterfirma Roland Berger. „Die Firmen sind dazu gezwungen, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen.“ Deutschland habe nur bei höher qualifizierten Dienstleistungen, etwa im Biotech- oder im Pharmabereich, eine Chance, selbst zum Zielland für Verlagerungen zu werden. Die Gewerkschaften mahnen indes zur Besonnenheit. „Das ist wieder so eine neue Mode der Unternehmensberater – die wollen auch ihren Schnitt machen“, lästert ein hoher Verdi-Mitarbeiter. Allerdings prognostiziert auch Deutsche Bank Research, dass bis 2009 maximal 500000 Stellen im Dienstleistungssektor ins Ausland verschwunden sein könnten.

Für die Industrieländer bedeutet dies teure Einbußen. Als erster namhafter Ökonom mahnt nun Nobelpreisträger Paul Samuelson, die Verlierer der Globalisierung müssten entschädigt werden (siehe unten). Das ist aber kaum praktikabel, findet DIHK-Chefökonom Axel Nitschke. „Bildung und Qualifizierung müssen bei uns besser werden, damit Verlierer des Strukturwandels rascher eine neue Beschäftigung finden“, verlangt er. „Dann können wir die Folgen der Globalisierung besser verkraften.“

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