Neue Dimension : Mehr als 100 Verdächtige im MAN-Skandal

Staatsanwaltschaft weitet Ermittlungen aus: Lange war nur von drei Verdächtigen gesprochen werden, inzwischen stieg die Zahl auf mehr als 100. Geschäfts- und Privaträume im gesamten Bundesgebiet wurden durchsucht.

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Alles sauber? Beim Verkauf von Lastwagen soll geschmiert worden sein. Foto: dpa

MünchenMünchen - Das Korruptionsverfahren gegen den Lastwagen- und Maschinenbaukonzern MAN hat eine neue Dimension erreicht. Derzeit gebe es mehr als 100 Verdächtige, teilte Oberstaatsanwalt Manfred Nötzel am Montag in München mit, nachdem die Ermittler fünf Tage lang Geschäfts- und Privaträume im gesamten Bundesgebiet durchsucht hatten. Zunächst war nur von drei Verdächtigen die Rede gewesen.

Ermittelt werde wegen des Verdachts der Bestechung und Bestechlichkeit sowie Steuerhinterziehung gegen MAN-Beschäftigte und deren Kunden. Zwei Personen seien verhaftet worden, einer davon sei wieder auf freiem Fuß. Keiner der beiden sei ein gegenwärtiges MAN-Vorstandsmitglied, stellte Nötzel klar. Ob unter den sonstigen Verdächtigen aktive Manager des Münchner Traditionskonzerns sind, ließ er mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen offen. Der „Spiegel“ hatte gemeldet, dass unter anderem ein derzeitiges Vorstandsmitglied verdächtigt wird. MAN selbst schweigt dazu. Die eigenen, internen Nachforschungen stünden erst am Anfang.

26 Staatsanwälte, eine Hundertschaft Steuerfahnder und rund 300 Polizisten waren in der vergangenen Woche wegen MAN in allen Bundesländern im Einsatz. Gefilzt wurden unter anderem die Zentrale der MAN-Sparte Nutzfahrzeuge in München, das Nürnberger Werk, Niederlassungen und sieben Privatwohnungen – alles in allem bundesweit insgesamt 59 Objekte, erklärte Nötzel. Umfangreiche Buchungs- und Projektunterlagen, Provisionsscheine und Revisionsberichte seien sichergestellt worden. Diese müssten nun ausgewertet werden.

Es bestehe der Verdacht, dass beim Lastwagenbauer ein System zur Förderung des Absatzes von Lastern und Bussen im Bundesgebiet existiert habe. Darüber hinaus vermutet die Justiz, dass auch im Ausland potenzielle Kunden und auch Amtsträger geschmiert wurden, um Nutzfahrzeuge von MAN und nicht der Konkurrenz zu kaufen. Die Ermittler sprechen in diesem Zusammenhang von Briefkastenfirmen in Malta, auf den Bahamas, den britischen Jungferninseln, Zypern, London und New York. Zudem seien Barauszahlungen geflossen. Für das Inland nennt Nötzel eine Million Euro als Summe der Schmiergeldzahlungen. Insider sprechen inklusive Ausland von einer zweistelligen Millionensumme nahe 15 Millionen Euro. Geflossen seien die als Provisionen getarnten Gelder an Mitarbeiter von MAN-Kunden, teils auf die Konten von Angehörigen und Freunden. Schwerpunkt der Verdachtsfälle war der Lkw-Vertrieb. Die Staatsanwaltschaft untersucht dabei den Zeitraum von 2002 bis 2009. Vorige Woche war noch von 2002 bis 2005 die Rede gewesen.

Parallel dazu ermittelt MAN aktuell selbst wegen der Vorwürfe. Bereits 2007 habe eine interne Revision in einzelnen Fällen Zahlungsvorgänge beanstandet, räumen die Münchner ein. Zweifelhafte Zahlungen im Vertrieb sind also konzernintern seit zwei Jahren bekannt. Daraus habe man organisatorische und personelle Konsequenzen gezogen, erklärt das Dax-Unternehmen. MAN habe sich von „unter 20 Mitarbeitern getrennt“, die gegen interne Regelungen verstoßen haben. Der Justiz gemeldet wurde dies aber nicht. Dazu sei der Konzern auch nicht verpflichtet gewesen, räumen Staatsanwälte ein.

Vor zwei Jahren hatten die Münchner auf Geheiß von Konzernchef Hakan Samuelsson das interne Anti-Korruptions-System verschärft. „Der gute Ruf unseres Unternehmens ist ein Wert, den wir nicht gefährden dürfen“, hatte der Schwede damals gesagt. Er war vor seinem Wechsel an die Spitze des Mutterkonzerns bis 2005 Chef der MAN-Nutzfahrzeugsparte, gegen die die aktuellen Ermittlungen laufen. tmh

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