Wirtschaft : Neue Energie für alte Konzerne

Die großen Versorger entdecken den Ökostrom für sich – die Branche steht vor einer Neuordnung

Bernd Hops,Henrik Mortsiefer

Berlin - Während die Politik vorm G-8-Treffen in Heiligendamm über den richtigen Weg zum Klimaschutz streitet, handelt die Wirtschaft. Auch die großen Energiekonzerne drängen in das Geschäft mit Strom aus Wind-, Wasser- und Sonnenkraft. Drei Milliarden Euro will Eon bis Ende 2010 vornehmlich in Windparks vor den Küsten stecken. Und an der Börse wird spekuliert, der größte deutsche Energieversorger sei an dem Windkraftanlagenbauer Nordex interessiert. Bei Eon heißt es: „Kein Kommentar.“ Aus Sicht mancher Branchenexperten wäre die Idee aber nicht abwegig. „Mit der Übernahme von Repower hat es angefangen: Die großen, traditionellen Energiekonzerne schauen sich in der Branche der erneuerbaren Energiefirmen nach Übernahmekandidaten um“, sagte Rolf-Peter Stockmeyer, Experte für erneuerbare Energien bei der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC), dem Tagesspiegel.

Seit vergangenem Januar ist die Branche aus der Öko-Ecke heraus. Der französische Konzern Areva, bisher für Atommeiler bekannt, warb um die Mehrheit bei Repower, einem Hamburger Hersteller von Windkraftanlagen. Der indische Konzern Suzlon hielt dagegen. Der Bieterkampf führte zeitweise zu einer Verdopplung des Repowerkurses. Am Schluss steht ein Kompromiss zwischen Suzlon und Areva. Und der französische Konzern sieht sich weiter nach Möglichkeiten in der Branche um. Ein Konzernsprecher sagte dem Tagesspiegel: „Areva hält an seinem Interesse an den erneuerbaren Energien fest – und an seiner Absicht, diese Aktivitäten auszubauen.“

Der ebenfalls französische Technologiekonzern Alstom geht in die gleiche Richtung. „Wir sind an dem Thema dran“, sagte ein Alstom-Sprecher. Es gehe um den Einstieg in die erneuerbaren Energien weltweit. „Auch in Deutschland gucken wir uns Firmen an und sind in Gesprächen.“ Die Franzosen folgen damit Siemens und General Electric, die schon zugekauft haben.

Für den PwC-Experten Stockmeyer ist klar: „Die Produzenten fossiler Energien haben sich in Randbereichen immer mit erneuerbarer Energie beschäftigt, aber den Anschluss verpasst. Jetzt eigene Forschungsabteilungen und Produktionslinien aufzubauen, würde sich nicht lohnen. Da ist es einfacher zuzukaufen.“ In der Branche gehe es nun um die Frage „Wer frisst wen“, sagte Stockmeyer.

Vor allem haben die Unternehmen das große Potenzial der erneuerbaren Energien im Blick, auch dank ehrgeiziger politischer Ausbaupläne wie die der EU, die gerade verabschiedet wurden.

„Windkraft und Fotovoltaik: Unternehmen aus diesen Bereichen sind interessant und haben hervorragende Wachstumsaussichten. Das haben die Energiemanager der Konzerne erkannt. Die Firmen werden ständig gescannt und beobachtet“, berichtet Stockmeyer von PwC.

Das Thema hat auch die Börse entdeckt, wie die starken Kursausschläge nach Übernahmegerüchten bei der Sonnenenergiefirma Solarworld zeigten.

Bloß: Setzen die Konzerne wie Eon, RWE, Vattenfall und EnBW dann auch diese Technik in Deutschland ein? In der Branche selber ist man skeptisch. Milan Nitzschke, Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energie, sagt: „Die Großen haben bisher vor allem gebremst – und mit Ankündigungen geglänzt.“ Von Offshore-Windparks sei häufig die Rede gewesen, gebaut wurden die aber höchstens vor der britischen Küste. In Deutschland kommen die Projekte kaum voran. Hier dominieren laut Nitzschke kleine und mittelständische Firmen. Gemessen an der Stromproduktion seien diese zusammen schon so groß wie der viertgrößte traditionelle deutsche Versorger, die baden-württembergische EnBW. Die Renditen, die hier erwirtschaftet werden könnten, lägen aber nicht da, wo es sich die großen Konzerne wünschen würden. Deshalb pflegten sie in Deutschland lieber ihren traditionellen Kraftwerkspark auf Kohle- und Gasbasis – und gingen mit dem Geld für Windparks ins Ausland, wo sie sich mit dem zusätzlichen Strom auch nicht selber Konkurrenz machen.

Auch die unterschiedliche Vergütung für Windstrom ist ein Argument, weiß Matthias Hochstätter vom Bundesverband Windenergie (BWE). 15 Cent gebe es in Großbritannien für eine Kilowattstunde, in Deutschland – gerechnet auf den Förderzeitraum von 20 Jahren – aber nur im Schnitt 7,5 Cent.

Trotz aller Skepsis sind sich Branchenvertreter einig: Sollten es die großen Stromkonzerne jetzt ernst meinen, dann wäre es nur gut. Verbandssprecher Hochstätter: „Wenn die richtig Geld in die Hand nähmen, wäre das eine tolle Sache.“

Selbst spezialisierte Anbieter von Ökostrom wie Lichtblick sehen kein Problem für ihr Geschäft, wenn durch die Aktivitäten der großen Konzerne mehr Strom aus erneuerbaren Quellen auf den Markt käme. „Für die Branche wäre das definitiv nicht schlecht“, sagt Lichtblick-Sprecher Gero Lücking. Erst im zweiten Schritt gehe es darum, wer den Strom dann vermarkte. Die traditionellen Erzeuger hätten aber noch ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Daran wird sich auch nicht so schnell etwas ändern. Die drei Milliarden Euro von Eon für erneuerbare Energien stehen 60 Milliarden Euro an Gesamtinvestitionen des Konzerns gegenüber.

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