Wirtschaft : Neue Gewerkschaft Verdi verliert 70 000 Mitglieder

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Die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat seit ihrer Gründung im März knapp 70 000 Mitglieder verloren und rechnet erst 2004 mit einer Trendumkehr. Allerdings soll im kommenden Jahr eine Werbekampagne für rund 25 Millionen Mark auf die neue Großgewerkschaft aufmerksam machen, kündigte der Verdi-Vorstand in Berlin an. Gegenwärtig zählt die Organisation, die vor einem halben Jahr aus der Fusion von ÖTV, HBV, Postgewerkschaft, IG Medien und DAG entstand, noch gut 2,8 Millionen Mitglieder, die im Schnitt einen Monatsbeitrag von 26,50 Mark zahlen. Insgesamt nimmt Verdi damit im laufenden Jahr rund 890 Millionen Mark ein, knapp drei Prozent weniger als im Vorjahr. Für das kommende Jahr erwartet der Vorstand 870 bis 890 Millionen Mark. Diese Summe sowie Vermögenserträge werden dann jedoch nicht ausreichen, um die laufenden Kosten sowie die fusionsbedingten Sonderausgaben zu finanzieren. Verdi wird also ein Teil des Vermögens, das sich auf gut 1,5 Milliarden Mark beläuft, veräußern müssen. Grafik: Vereinte Dientleistungsgesellschaft Verdi Insbesondere die "verschmelzungsbedingten Risiken" schlagen in den kommenden Jahren zu Buche. Dazu zählen der Abbau des Personalüberhangs, Umzugskosten und die Vereinheitlichung der Datenverarbeitung. Von den gegenwärtig 5186 Verdi-Mitarbeitern werden nach Angaben des Vorstands rund 1000 nicht mehr gebraucht. Da jedoch Zwangsversetzungen genauso wenig möglich sind wie betriebsbedingte Kündigungen, sind erhebliche Abfindungen für ausscheidende Mitarbeiter erforderlich. Eine Menge Geld kostet auch die angemietete Verdi-Zentrale am Potsdamer Platz. 16,5 Millionen Mark muss die Gewerkschaft dort pro Jahr für 22 000 Quadratmeter ausgeben. Spätestens 2004 sollen dann die 840 Mitarbeiter der Bundesverwaltung in ein eigenes Verdi-Gebäude umziehen. Die Entscheidung darüber, wo in Berlin gebaut wird, kündigte der Verdi-Vorstand für die nächsten Wochen an.

Nach Angaben von Verdi-Chef Frank Bsirske gibt es in der Gewerkschaft derzeit "Baustellen noch und nöcher". Beispielsweise liefen rund 600 Versetzungsverfahren im Zusammenhang mit der Zusammenlegung der ehemals fünf Hauptverwaltungen. Ein Hauptproblem sei der Personalüberhang in manchen Regionen sowie unterschiedlich Gehälter, die Verdi-Mitarbeiter gewissermaßen aus ihren früheren Organisation mitgebracht haben. So seien Unterschiede von bis zu 2000 Mark bei Sekretärinnen möglich, weil die Gehaltsunterschieden in den Altorganisationen, etwa bei ÖTV und IG Medien, entsprechend groß waren und die Beschäftigten unter dem Verdi-Dach erstmal ihre alten Gehälter behalten. Mit den Betriebsräten fänden nun schwierige Gespräche über eine Vereinheitlichung statt, sagte Bsirske.

Bsirske verteidigte die zum Teil üppigen Gehaltserhöhungen für Spitzenfunktionäre der Gewerkschaft. Der aus ehrenamtlichen Funktionären zusammengesetzte Gewerkschaftsrat hatte vor fünf Wochen beschlossen, dass Bsirskes Gehalt von 17 000 Mark auf 27 000 Mark monatlich erhöht wird. Die Stellvertreter Bsirskes bekommen nun 26 250 Mark und damit fast doppelt so viel wie bislang. Insgesamt waren die Gehälter von 84 so genannter Wahlangestellter erhöht worden, um diese Ämter attraktiver zu machen. Im Gewerkschaftsrat gab es allerdings nur eine knappe Mehrheit von 54:44 Stimmen; einige Gewerkschafter kritisierten den Zuschlag für die Spitzenfunktionäre zu diesem Zeitpunkt als "bodenlose Dummheit", da doch noch mindestens 1000 Verdi-Mitarbeiter in absehbarer Zeit ihren Job verlieren werden.

Bsirske zog eine "Leistungsbilanz" der ersten sechs Verdi-Monate und erwähnte dabei insbesondere den Tarifvertrag für die Zivilbeschäftigen der Bundeswehr sowie die Abschlüsse in den Bereichen Banken, Versicherungen und Großhandel, die prozentual über den Lohn- und Gehaltserhöhungen in der Metall- und Chemieindustrie gelegen haben. Alles in allem sei die "Bindung der Energien nach innen", wie Bsirske den mühseligen Prozess des Zusammenwachsens beschrieb, "nicht zu Lasten der Mitglieder gegangen".

Als Schwerpunkte der kommenden Monate kündigte der Verdi-Chef unter anderem eine Kamapagne für eine Gesundheitsreform an. Ziel einer solchen Reform müsse die "Qualitäts- und Effizienzsteigerung" im Gesundheitswesen sein. Nach dem "Muster der Rentenversicherung" dürfe auf gar keinen Fall die paritätische Finanzierung der Krankenversicherung aufgegeben werden. Zur kommenden Tarifrunde sagte Bsirskes Stellvertreterin Margret Mönig-Raane, lange Laufzeiten seien bei den abzuschließenden Verträge nicht wünschenswert. Und bei kurzen Laufzeiten, wie sie von IG Metall-Chef Klaus Zwickel ins Gespräch gebracht worden waren, seien kaum gute Abschlüsse für die Gewerkschaften drin.

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