Wirtschaft : Neue Ideen an Bord - Was kommt nach Duty Free?

LUTZ BEUKERT (HB)

HAMBURG .Die schwedische Stena Line AB, Göteborg, arbeitet intensiv an Alternativen für den "Tag danach", wie es die Leiterin der Verkaufsorganisation Deutschland, Dagmar Kimmel, ausdrückt.Anstelle der Duty-Free-Läden will die Stena Fabrikverkauf an Bord - also schwimmende Factory-Outlet-Stores - einrichten.Allein auf ihrer Rennstrecke Kiel - Göteborg, wo 1997 über 358 000 Passagiere befördert wurden, beläuft sich die Umsatzeinbuße bei Wegfall des "Duty-Free"-Verkaufs auf 28 Prozent, rechnet Frau Kimmel vor.

Mit Beginn des Sommerfahrplans (ab 1.Juli 1999) will Stena die Passagetarife in der Ostsee und im Kanal zwischen Frankreich und Großbritannien im Schnitt um 15 Prozent anheben.Ähnliche Überlegungen hegten auch die Wettbewerber, sagt Kimmel.Gleichzeitig behält sich Stena eine weitere Preiserhöhung nach der Sommersaison vor, wenn sich die wirtschaftlichen Auswirkungen des fehlenden Duty-Free-Geschäfts besser kalkulieren lassen.

Die schwedische Reederei überlegt, wie die zuvor für den Bordverkauf mit zollfreien Artikeln verwendeten Flächen für die Einrichtung des Fabrikverkauf genutzt werden können.Da die Verkaufsfläche auf rund 250 Quadratmeter begrenzt ist, müßte Stena sich auf eine oder zwei Marken konzentrieren, gibt Kimmel zu bedenken.Auch könnten Factory-Outlet-Stores an Bord aufgrund der Vorlaufzeit frühestens im Herbst kommenden Jahres realisiert werden.

Die Kunden für den Fabrikverkauf sieht die Reederei nicht nur in den 1000 bis 1800 Passagieren, die sich auf der Strecke Kiel- Göteborg für 14 Stunden an Bord aufhalten.Der Fabrikverkauf kann auch während der mehrstündigen Liegezeit der Schiffe in den Häfen von Göteborg und Kiel den Anwohnern offenstehen.Da Stena in beiden Städten an Kais unmittelbar beim Stadtzentrum in einer 1a-Lage anlegt und dort gute Parkmöglichkeiten geboten werden, sei die Ausgangslage ideal.Ähnliche Überlegungen stellt auch die zwischen Kiel und Oslo verkehrende norwegische Color-Line an, obwohl diese als nicht der EU angehörende Reederei den Duty-Free-Verkauf weiter betreiben kann.

Schließlich hält Stena die Umrüstung der unter schwedischer Flagge fahrenden Schiffe zu schwimmenden Kasinos für denkbar.Der Erfolg der bereits an Bord installierten Spielautomaten spricht nach Ansicht von Kimmel für diese Einrichtungen.

Die unter deutscher Flagge fahrenden Ostseefähren können ihre Erträge allerdings nicht über Glücksspieleinnahmen steigern, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der zwischen Travemünde oder Rostock und dem schwedischen Hafen Trelleborg verkehrenden Hamburger TT-Line, Arndt-Heinrich von Oertzen.Dem stehen die Spielbankengesetze der Bundesländer entgegen, die die Abführung von 80 Prozent der Einnahmen verlangen.Damit lohne es sich noch nicht einmal Glückspielgeräte aufzustellen.

Auch dem Angebot des Fabrikverkaufs steht von Oertzen zurückhaltend gegenüber.In den Häfen Trelleborg, Rostock und Travemünde kann die Reederei nicht mit der hohen Kundenfrequenz rechnen, damit sich diese Angebote tragen.Die Fährpassagiere allein reichten nicht aus, zumal der Fabrikverkauf beratungs- und damit personalintensiver sei, als der auf Selbstbedienung zugeschnittene Verkauf von Spirituosen und Zigaretten.Von Oertzen: "Duty-Free basierte auf Schnelldrehern und sicherte einen hohen Rohertrag."

So prüft die TT-Line "Ersatzangebote".Aufgrund der zwischen Schweden und Deutschland unterschiedlichen Verbrauchsteuerbelastung von Zigaretten und Schnaps kann für Schweden der Einkauf zu deutschen Preisen immer noch attraktiv sein.Allerdings hat die EU-Kommission zwar die Abschaffung des innergemeinschaftlichen Duty-Free-Verkaufs beschlossen, aber nicht festgelegt, wie besteuert werden soll.So liegt aus Brüssel zwar die Erklärung vor, die Verbrauchssteuersätze desjenigen Landes zugrunde zu legen, in dem die Fähren ausgerüstet werden, was in der Regel Deutschland wäre.Davon unberührt bleibt aber die Mehrwertsteuer.Das hieße doppelte Preisauszeichnung: Ab Travemünde mit deutscher, ab Trelleborg mit schwedischer Mehrwertsteuer.

Auch das gemeinsame Fährunternehmen der deutschen und dänischen Bahnen, die Scandlines AG, Rostock, rüstet sich für die Zeit "danach".Um speziell dänische Kunden zu bedienen, wird der Bau eines schwimmenden Supermarktes im Fährhafen von Puttgarden auf Fehmarn geprüft.

Von diesen Sorgen unbeschwert sind die Reedereien, die ihre Routen umlegen können.Der dänische Transportkonzern DFDS A/S beispielsweise wird 1999 statt des ganzjährigen Dienstes Göteborg- Harwich und des Sommerdienstes Göteborg-Newcastle seine Fähren ganzjährig zwischen Göteborg und Newcastle mit einem kleinen Abstecher in das norwegische Kristiansand schippern lassen und der Kommission so ein Schnippchen schlagen.Ähnlich machen es die Finnen: Die zwischen Travemünde und Helsinki pendelnde Schnellfähre Finnjet der Silja-Line wurde nach Rostock verlegt.Die Zeitersparnis für die Fahrt nach Helsinki von zwei Stunden wird für das Anlaufen der estländischen Hauptstadt Tallin genutzt.Die Zollfreiheit bleibt damit erhalten.

Bitter wird es dagegen für kapitalschwache Einzelkämpfer ohne Ausweichmöglichkeit.Nach 33 Jahren stellt die zwischen Kiel und Bagenkop auf der dänischen Insel Langeland pendelnde MS "Langeland" ihre Fahrten am 31.Dezember ein.

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