Wirtschaft : Neue Jobs für Berlin: Lernen von den Hacker-Kids

Sonja Niemann

Wolfgang Petermann müsste eigentlich der Wunsch-Mitarbeiter jedes technisch orientierten Arbeitgebers sein. Er ist studierter Diplom-Ingenieur mit Schwerpunkt Betriebsgestaltung und Fabrikplanung, hat zusätzlich einen Abschluss als technischer Betriebswirt, besitzt jahrelange Berufserfahrung - und fit für die boomende IT-Branche wäre er auch: "Ich habe mich schon immer gerne mit Computern beschäftigt, das ist mein Hobby." Doch Petermanns Bewerbungen wurden, nach Phasen der Arbeitslosigkeit und mehreren Zeitverträgen, zum Schluss nicht einmal mehr beantwortet. Mit 59 Jahren ist er vielen Unternehmen zu alt: "Die hätten am liebsten einen 20-jährigen Akademiker mit 30 Jahren Berufserfahrung", sagt er.

Während einerseits technisch versierte Leute wie Petermann auf der Straße stehen, mangelt es an anderer Stelle an qualifizierten Leuten, die sich beispielsweise mit Aufbau und Pflege eines Computernetzwerkes auskennen. Vor allem nicht-kommerzielle Institutionen wie die Berliner Schulen können sich kaum einen hauptberuflichen Netzwerkadministrator leisten, der sich um ihre frisch angeschafften Rechner kümmert. Die - meist autodidaktisch erworbenen - Kenntnisse der Lehrer reichen für eine solche Aufgabe häufig nicht aus. Schon das sind genug Gründe für eine Maßnahme, die einerseits arbeitslose Computerfachleute in den Arbeitsmarkt zurückführt und andererseits die Schulen unterstützt.

In Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt Berlin-Nord bildet die bbw Berufsvorbereitungs- und Ausbildungsgesellschaft seit Oktober letzten Jahres Menschen wie Wolfgang Petermann zum Netzwerkadministrator weiter. Die frisch erworbene Theorie wird im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme an den Schulen in die Praxis umgesetzt. "Wir können inzwischen eine positive Zwischenbilanz ziehen", sagt Heinz-Ulrich Fiedler, Projektleiter an der bbw.

70 Mitarbeiter starteten im Herbst mit einer dreimonatigen Grundausbildung, in der sie in die Geheimnisse von Betriebssystemen, Netzwerktechnik und aktueller Software eingeweiht wurden. Für die meisten kein absolutes Neuland, doch Computerwissen veraltet schnell: "Wir haben nur Leute in die Maßnahme genommen, die schon eine entsprechende Vorbildung im Informatik-Bereich hatten, wie Programmierer oder PC-Techniker", sagt Fiedler. Und eine zweite Bedingung sollte erfüllt sein: die Teilnehmer sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Die AB-Maßnahme ist auf ein Jahr befristet.

Anfang Februar hat bereits eine zweite Gruppe mit neuen 72 Teilnehmern angefangen, die aus den leichten Startschwierigkeiten der ersten Gruppe gelernt hat. "Zuerst hatten wir 60 Leute auf 60 Berliner Schulen verteilt", erzählt Projektleiter Fiedler, "aber das klappte nicht so gut." Während einige neue Oberstufenzentren mehr als 500 Computer besitzen und eine Einzel-Person mit der Wartung völlig überfordert war, hatten andere Schulen nicht mehr als eine einsame "Internet-Ecke", die von einem Informatiklehrer gut alleine betreut werden konnte. Mittlerweile sind die Mitarbeiter in zwölf Teams aufgeteilt, die jeweils für die Schulen eines Stadtbezirks verantwortlich sind.

Ein weiteres Team ist für mehrere Oberstufenzentren verantwortlich, eine Mannschaft von 20 Leuten stellt zudem das "Support-Team". Die "Supporter" geben ihren Kollegen Hilfestellung per Telefon und rücken bei Bedarf zur Verstärkung an. "Unsere Arbeit wird von den meisten Schulen sehr gut aufgenommen", sagt Egon Thiel. Thiel ist 48 Jahre alt und gelernter Elektriker. Er hatte sich, nachdem er arbeitslos wurde, zum PC-Techniker ausbilden lassen, aber: "Die Ausbildung war zu theoretisch, mir hat einfach die praktische Arbeitserfahrung gefehlt."

Die könne er nun in der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme reichlich sammeln. An "seinen" Schulen in Berlin-Mitte kümmert er sich um Intranet und Internet, baut Netzwerkkarten in die Rechner und antwortet geduldig auf Fragen, mit denen ihn Lehrer und Schüler bestürmen. Dass er durch die Arbeit an mehreren Schulen mit unterschiedlichen Betriebssystemen und Rechnern konfrontiert wird, empfindet er als positiv: "So bekomme ich einen guten Überblick und lerne, mit allen umzugehen." Eventuelle Wissenslücken werden in der bbw gefüllt, denn in den Schulferien finden für die Administratoren vertiefende Schulungen statt.

Wolfgang Petermann und Egon Thiel beteuern, dass ihnen die Arbeit gefällt. Allzu große Hoffnungen, dass sie nach Ende der Maßnahme an den Schulen bleiben können, möchte Ihnen Projektleiter Fiedler allerdings nicht machen: "Die meisten Schulen werden die Betreuung wieder den Lehrern überlassen oder eine Firma beauftragen." Trotz allem werden beide Seiten profitiert haben: "Wir leisten viel Hilfe zur Selbsthilfe und geben den Lehrern unser Wissen weiter", sagt Petermann. Und er selber lerne auch jeden Tag etwas neues - unter anderem auch durch Gespräche mit den "computerbegeisterten Hacker-Kids". Auf dieses Wissen werden viele potentielle Arbeitgeber nicht verzichten mögen - auch wenn Wolfgang Petermann dem Schulalter bereits entwachsen ist.

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