Wirtschaft : Neue Jobs für Berlin: Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit kommen an

Dagmar Rosenfeld

An der Kurt-Schwitters-Gesamtschule in Berlin Prenzlauer Berg ist jeden Montag Wirtschaftstag: Die Bücher bleiben im Ranzen und die Tafel zugeklappt, denn dann steht die Berliner Unternehmenswelt auf dem Stundenplan. Punkt acht Uhr beginnt für die Neuntklässler die Schüler-Arbeits-Stunde. In diesen Unterrichtsstunden wird das Berufsleben nicht nur in der Theorie abgehandelt, sondern die Schüler erkunden die betriebliche Wirklichkeit auch vor Ort.

Möglich macht das ein Kooperationsvertrag mit der Gebäudereinigungsfirma Gegenbauer-Bosse. Der Vertrag wurde im Rahmen des Projekts "Schule und Betrieb" abgeschlossen, das die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) vor einem Jahr ins Leben gerufen hat. "Die Firmenpartnerschaft ist für unsere Schüler eine Chance, Unternehmensstrukturen und Berufsbilder hautnah kennenzulernen", sagt Projektbetreuer Torsten Kaßner, der an der Schwitters-Schule Informatik und Arbeitslehre unterrichtet.

Schließlich sind die Schüler von heute die Auszubildenden von morgen. "Doch stehen sich Schulen und Betriebe häufig mit großer Distanz gegenüber", sagt die IHK-Projektleiterin und ehemalige Schulsenatorin Sybille Volkholz. So beklagen Unternehmen, dass Bildung und soziale Kompetenzen wie Verantwortungsbewusstsein und Lernbereitschaft bei den Schulabgängern zu wünschen übrig lassen. Viele Betriebe seien aber überhaupt nicht darüber informiert, was Schulen überhaupt leisten könnten, erklärt Volkholz. Umgekehrt gingen die Vorstellungen vieler Schüler über die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt an der Realität vorbei. Mit dem Partnerschaftsmodell will die IHK nun Aufklärungsarbeit leisten und den Kontakt zwischen "Lehranstalt" und Lehrbetrieb intensivieren.

Von der Arbeitssicherheit bis zur Auftragsbearbeitung - bei Gegenbauer-Bosse haben die Schüler der Kurt-Schwitters-Schule sämtliche Betriebsabläufe kennengelernt. Paul Eisermann hat in der Buchhaltung seine Mathe-Kenntnisse getestet, während sein Mitschüler Sebastian Saager in der Personalabteilung Bewerbungsunterlagen unter die Lupe genommen hat. Sebastian weiß jetzt nicht nur, was eine gute Bewerbungsmappe ausmacht, sondern auch welche Qualifikationen in der Arbeitswelt gefragt sind. "Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit kommen immer gut an", berichtet der 15-Jährige über seine neuen Erfahrungen.

Auch die Schering AG unterstützt das IHK-Projekt. Der Pharma-Konzern hat im Dezember 2000 mit der Ernst-Schering-Schule in Berlin-Wedding einen Kooperationsvertrag abgeschlossen. "Am Anfang waren wir schon etwas skeptisch", gesteht Schering-Ausbildungsleiter Ralf Rode. Jedoch hätten sich die Zweifel am Bildungsniveau und der Motivation der Schüler am Ende als Vorurteile erwiesen. "Vielmehr ist es so, als ob Familienmitglieder, die sich lange Zeit aus den Augen verloren hatten, wieder zusammengefunden haben", beschreibt Rode die Projektarbeit. Schering bietet dem Nachwuchs Praktikumsplätze, organisiert Betriebsführungen und macht die Schüler in einem Bewerbungstraining fit fürs Vorstellungsgespräch.

Da das Partnerschaftsmodell "Schule und Betrieb" auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruht, profitieren auch die Unternehmen von der Kooperation. "Zum einen können wir den Schülern unsere Ausbildungsberufe näher bringen", sagt Rode. Zum anderen könne aber auch das pädagogische Potenzial der Schulen genutzt werden. So wollen die Schering-Ausbilder in Fortbildungsseminaren zusammen mit dem Kollegium neue Lehrmethoden erarbeiten und diskutieren. Denn durch den gegenseitigen Austausch der Erfahrungen und die Einbeziehung von Betriebsangehörigen in den Schulalltag könne der Unterricht realitätsbezogener gestaltet werden. Die Zusammenarbeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf fachliche Fragen. Ebenso werden auch Themen wie Drogenberatung und Gewaltprävention gemeinsam angegangen.

Bis jetzt haben sich 20 Berliner Schulen an dem Projekt beteiligt und zu fast 60 Unternehmen, darunter auch Knorr Bremse und DeTeWe, Kontakte geknüpft. "Langfristig soll diese Partnerschaft zu einer festen Tradition werden", sagt Sybille Volkholz von der IHK.

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