Wirtschaft : Neue Kampagne zur Arbeitszeitverkürzung

Die Gewerkschaftsbasis murrt, doch die IG-Metall-Oberen werden sich durchsetzen HANNOVER (alf).Das war wenig erbaulich, was der Wissenschaftler Rainer Trinczek den Funktionären und Betriebsräten der IG Metall mitzuteilen hatte."Auch wenn es nur wenig nutzen mag, sinnlos scheint es nicht", meinte Trinczek zu den Erfolgsaussichten einer Kampagne zur weiteren Verkürzung der Arbeitszeit.Der Mann von der Uni Erlangen referierte am Freitag vor den Teilnehmern der IG Metall-Arbeitskonferenz in Hannover über die Ergebnisse einer Umfrage.Danach überwog bei den befragten Betriebsräten "ganz eindeutig eine skeptische Position hinsichtlich weiterer Arbeitszeitverkürzungen".Und zwar vor allem wegen der "erheblich verschlechterten Lohnposition".Wenn die Beschäftigten also vor der Alternative stünden, mehr Geld oder weniger Arbeit, dann gebe es "eine klare Option für Lohnerhöhungen".Aber die IG Metall ist mächtig und weiß zu mobilisieren: "Wenn die Organisation ruft, wird man es wohl mit Mühe hinbekommen", schätzt Trinczek die Chancen der Kampagne ein.Und die Kampagne wird kommen, daran hatte Gewerkschaftschef Klaus Zwickel zum Auftakt der dreitägigen Konferenz keinen Zweifel gelassen.Gewissermaßen markiert die Konferenz selbst schon den Beginn der Kampagne.Die eher desillusionierenden Ausführungen Trinczeks waren am Freitag eher die Ausnahme.Im Mittelpunkt standen vielmehr andere wissenschaftlichen Analysen, mit denen sich die Gewerkschaft Mut zu machen suchte.Hartmut Seifert vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung blickte zurück: Den Beschäftigungseffekt der seit 1984 in der gesamten deutschen Wirtschaft von 40 auf knapp 37,5 Stunden verkürzten Wochenarbeitszeit bezifferte Seifert auf 800 000 erhaltene beziehungsweise geschaffene Arbeitsverhältnisse.Anders ausgedrückt: Ohne Arbeitszeitverkürzung läge die Arbeitslosenquote in Westdeutschland heute nicht bei zehn, sondern bei 13 Prozent.Vor diesem Erfahrungshorizont seien weitere Arbeitszeitverkürzungen gleichsam ein Muß."Nach Jahren der Lohnmoderation und einer deutlich verbesserten Wettbewerbs- und Ertragssituation besteht beschäftigungspolitisch kein Grund, die zurückhaltende Verteilungspolitik fortzusetzen", meinte Seifert.Gerhard Bosch vom Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen wies im Zusammenhang mit dem Lohnausgleich darauf hin, daß die Beschäftigen kürzere Arbeitszeiten in der Regel mit niedrigeren Lohnerhöhungen selbst finanzierten.Das werde auch künftig der Fall sein müssen.Neben dieser Prämisse - Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich - gibt es für Bosch weitere Bedingungen für den beschäftigungspolitischen Erfolg von Arbeitszeitverkürzungen.Beispielsweise flexible Arbeitsorganisationen.In der Betrieben habe es eine "Revolution der Arbeitszeitrealität" gegeben, die Betriebs- oder Maschinenlaufzeiten seien von 1984 bis 1996 von 60,6 auf 71,8 Stunden gestiegen."Wir beobachten einen Übergang vom starren acht-Stunden-Tag zu flexiblen Jahresarbeitszeiten", so Bosch.Problematisch sie die allgemeine Einkommenssituation, denn bei kleinen Verteilungsspielräumen gibt es kaum Raum für Arbeitszeitverkürzungen.Aufgrund einer Deregulierung der Arbeitsmärkte und einer Schwächung der Gewerkschaften "hat in den letzten 20 Jahren die Ungleichverteilung der Einkommen in vielen Ländern zugenommen".Da Gewerkschaften vor allem Beschäftigte in den mittleren und unteren Einkommensgruppen organisierten, werde es für sie zunehmend schwieriger, eine Politik kollektiver Arbeitszeitverkürzungen durchzusetzen."Eine neoliberale Politik der Einkommensdifferenzierung ist das wirksamste Mittel, weitere Arbeitszeitverkürzungen zu verhindern", so Bosch.

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