Wirtschaft : Neue Richtung

Die Wirtschaft ist 2006 so stark gewachsen wie seit sechs Jahren nicht – doch die Arbeitnehmer haben davon kaum profitiert

Carsten Brönstrup,Alexander Heinrich

Berlin - Die deutsche Wirtschaftsleistung ist im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent gewachsen. Damit nahm das Bruttoinlandsprodukt (BIP) so stark zu wie seit sechs Jahren nicht mehr, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Die Beschäftigten profitierten allerdings kaum davon. Während die Entgelte der Arbeitnehmer nur um 1,3 Prozent zulegten, wuchsen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 6,9 Prozent. „Deshalb müssen die Löhne jetzt wieder stärker steigen“, forderte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die bereits seit Jahren anhält. 2005 waren die Arbeitnehmereinkommen sogar um 0,7 Prozent geschrumpft, während die Firmen- und Kapitalbesitzer 6,2 Prozent hinzubekamen. „Obwohl die Wirtschaft wirklich gut gelaufen ist, gab es vom privaten Verbrauch keine Impulse“, bemängelte Bofinger. Wenn der Aufschwung eine breitere Basis bekommen solle, müssten sich die Tarifpartner in den nächsten Monaten wieder am Wachstum der Produktivität und an der Inflationsrate orientieren. „Gesamtwirtschaftlich wäre eine Lohnsteigerung von rund drei Prozent gut“, sagte der Würzburger Professor.

Der kräftige Aufschwung wurde anders als in den beiden vergangenen Jahren nicht nur vom Export, sondern auch von den Investitionen der Unternehmen getragen. Sie gaben 7,3 Prozent mehr für neue Maschinen und Anlagen aus, so viel wie seit der Wende nicht mehr. „Trotz zweistelliger Wachstumsraten im Außenhandel kamen die größten Wachstumsimpulse diesmal aus dem Inland“, sagte Walter Radermacher, Präsident des Statistischen Bundesamtes. Das Ausland sorgte für einen Wachstumsbeitrag von 0,7 Prozent, das Inland für 1,7 Prozent.

Auch die Bauwirtschaft hat ihre tiefe Krise überwunden. „Wir haben die Trendwende geschafft“, sagte Hans-Peter Keitel, Präsident des Hauptverbandes der Bauindustrie. Die Branche klagt sogar schon über Engpässe bei Baustoffen und Maschinen. Das gab es seit Beginn der neunziger Jahre nicht mehr. 2007 soll es 5000 neue Jobs auf dem Bau geben.

„Deutschland ist nicht mehr der kranke Mann Europas“, resümierte Holger Schmieding, Europa-Chefökonom der Bank of America. Bereinigt um die geringere Zahl der Arbeitstage lag das Wachstum sogar bei 2,7 Prozent. Die Summe aller neuen Waren und Dienstleistungen lag bei 2303 Milliarden Euro. Der Aufschwung sorgte auch für Entlastung auf dem Arbeitsmarkt. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg im Vergleich zum Vorjahr um 258 000 auf 39,1 Millionen Menschen. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagte: „Der Exportweltmeister ist jetzt auch Konjunkturlokomotive.

Das gute Wachstum brachte dem Staat deutlich mehr Einnahmen als erwartet. Erstmals seit 2001 erfüllte Deutschland die Stabilitätsanforderungen des Maastricht-Vertrages: Der Anteil der Neuverschuldung am BIP sank auf 2,0 Prozent. Bund, Länder und Kommunen gaben 46,5 Milliarden Euro mehr aus als sie einnahmen, im Vorjahr waren es noch 72,4 Milliarden gewesen. Die EU will das Defizitverfahren gegen die Bundesrepublik in den kommenden Monaten einstellen, sagte ein Sprecher der EU-Kommission. Auch die Einnnahmen der Rentenkasse sprudelten. Laut „Handelsblatt“ konnte die Deutsche Rentenversicherung 2006 Pflichtbeiträge von 155,5 Milliarden Euro verbuchen – 1,4 Milliarden Euro mehr als im Oktober geschätzt. Grund sei die „dynamische Entwicklung“ am Arbeitsmarkt, hieß es bei den Versicherern.

Das gute Wachstum von 0,5 Prozent im letzten Quartal des Jahres, das die Statistiker gestern erstmals bekannt gaben, lässt Ökonomen zufolge eine gute Entwicklung für 2007 erwarten. „Die Ausgangsbasis ist so gut, dass wir nahe an ein Plus von zwei Prozent kommen werden“, sagte Alfred Steinherr, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dieser Zeitung. Deshalb werde es auch zwischen 300 000 und 400 000 neue Stellen geben. Auch der gesunkene Ölpreis lässt die Volkswirte optimistisch werden. „Wenn sich das stabilisiert, wird das für die Haushalte viele der zusätzlichen Belastungen seit Jahresanfang kompensieren", sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der Dresdner Bank.

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