Wirtschaft : Neue Schoko-Gesichter

Kinderschokolade startet Internet-Aktion. Nur mit Werbung kann das Produkt punkten, sagen Experten

Marion Trimborn

Frankfurt am Main - Mehr als drei Jahrzehnte lächelte das immer gleiche brave Jungengesicht von der weiß-roten Packung der Kinderschokolade. Der Hersteller Ferrero wollte, dass die Marke wiedererkennbar blieb. Erst 2005 tauschte der Süßwarenhersteller das Bild aus, wogegen sich direkt Protest regte. Jetzt geht Ferrero noch weiter: Zum 40. Geburtstag der Kinderschokolade können sich vom 10. April an Kinder bewerben, um bald selber von der Packung lächeln zu dürfen.

Das Konterfei von zehn Jungen und erstmals auch Mädchen wird im Herbst für einige Wochen auf der Packung der Schokoriegel prangen. Bis dahin läuft ein mehrstufiges Auswahlverfahren im Internet über die Seite www.dein-gesicht-auf-kinderschokolade.de. Aus den abgegebenen Bildern wählt eine von Ferrero eingesetzte Jury 40 Jungen und 40 Mädchen aus. Ab Mitte Juni wird dann von der Internetgemeinde abgestimmt.

Werbefachleute werten die Aktion als Versuch, auf dem Schokoladenmarkt den Anschluss nicht zu verlieren. „Kinderschokolade ist kein Wachstumsprodukt“, sagt Andreas Dürr von der Nürnberger Marktforschungsfirma IRI. „Die Marke kann schlecht über verschiedene Geschmacksrichtungen spielen, also muss das Unternehmen über Verpackungen Bewegung in den Verkauf bringen.“ Laut IRI-Süßwarenmonitor ist 2006 der Absatz von Tafelschokolade in Deutschland um 3,2 Prozent auf 200 900 Tonnen gesunken. Von der Kinderschokolade werden jährlich 90 Millionen Tafeln verkauft, ein Marktanteil von knapp 4,5 Prozent.

Ferrero ist nach Ansicht von Werbeexperten nur wenig innovativ. Unter dem Dach von „Kinder“ wächst die Markenfamilie (Kinder Country, Kinder Bueno, Kinder Friends) auf inzwischen elf Produkte, aber es gibt wenig Neuerungen. Der Verkaufsschlager Kinder-Überraschungsei wurde bereits 1974 auf den Markt gebracht. In Deutschland liegt die Marke Ferrero laut IRI hinter Milka, Ritter Sport und Lindt. Der italienische Familienbetrieb ist in Deutschland einer der großen Werbetreibenden und investiert nach Schätzungen jeden sechsten Euro seines Gruppenumsatzes von 4,5 Milliarden Euro in die Werbung. Dabei liegt nach eigenen Untersuchungen von Ferrero zum Beispiel der Bekanntheitsgrad der Kinderschokolade in Deutschland bei fast hundert Prozent. Ansonsten gibt sich das Unternehmen traditionell wortkarg. Der italienische Konzern aus Alba im Piemont ist der viertgrößte Süßigkeitenfabrikant der Welt.

Kinderschokolade wurde 1967 als erste Schokolade nur für Kinder kreiert. Sie wird wegen ihres Milchanteils als gesund verkauft mit dem Slogan „Die Extraportion Milch“. Das stößt auf Kritik von Ernährungsfachleuten. „Kinderschokolade ist nicht gesünder als normale Schokolade“, sagt Mathilde Kersting vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung.

30 Jahre lang prangte das Gesicht des Münchners Günter Euringer auf der Kinderschokolade – nur der Haarschnitt und das Hemd wurden geändert. 2005 wurde sein Gesicht ersetzt. Im Internet wurde daraufhin zum Protest gegen den Neuen aufgerufen. 75 000 Unterschriften sind nach Angabe der Organisation zusammengekommen und an Ferrero geschickt worden – ohne Reaktion. Gegen die neuen Gesichter ist keine Aktion geplant. dpa

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