Wirtschaft : Neue Spekulation um Devisenmarkt-Interventionen

EZB-Chef Trichet nennt Eurokurs „unwillkommen“ und revidiert Wachstumsprognose /Experten: baldiges Eingreifen möglich

Anselm Waldermann

Berlin - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Wachstumsprognose für das kommende Jahr nach unten korrigiert. 2005 werde das Bruttoinlandsprodukt im Euroraum zwischen 1,4 und 2,4 Prozent wachsen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag nach einer Ratssitzung in Frankfurt am Main. Bislang hatte die Notenbank ein Wirtschaftswachstum zwischen 1,8 und 2,8 Prozent vorhergesagt. Zugleich rechnet die Notenbank mit einem höheren Preisdruck im kommenden Jahr. Ihre Inflationsprognose erhöhte die EZB auf 1,5 bis 2,5 Prozent. Bislang lag sie bei 1,3 bis 2,3 Prozent.

Den derzeit hohen Eurokurs nannte Trichet erneut „unwillkommen“. Seine Aussagen von Anfang November, wonach die Kursbewegungen „brutal“ seien, wiederholte er aber nicht. Trichet lehnte es zudem ab, einen Kommentar zu denkbaren Interventionen abzugeben. Bei diesem Thema sei „verbale Disziplin“ gefragt, betonte der EZB-Chef.

Experten hatten die Ratssitzung der EZB mit Spannung erwartet. In der Nacht zum Donnerstag waren Gerüchte aufgekommen, wonach die Europäische Zentralbank ein gemeinsames Vorgehen mit Japan gegen den schwachen Dollar plant. Die „Financial Times“ berichtete dies unter Berufung auf einen hochrangigen japanischen Währungspolitiker. Der Eurokurs zeigte sich davon jedoch unberührt. Am Devisenmarkt stieg er am Morgen auf ein Allzeithoch von 1,3385 Dollar. Bis zum Nachmittag sackte er dann ab auf 1,3250 Dollar.

Eine Zinssenkung steht für die Zentralbank aber trotz des seit Wochen andauernden Euro-Höhenflugs nicht zur Debatte. „Diese Option wurde nicht erwogen“, sagte Trichet. Zuvor hatte die EZB das aktuelle Leitzinsniveau von 2,00 Prozent bestätigt, wie allgemein erwartet worden war. Nach dem Anstieg der Inflation auf über zwei Prozent im Oktober und November galten Zinssenkungen als unwahrscheinlich. Wegen der sich abkühlenden Konjunktur rechneten Beobachter auch nicht mit einer Zinserhöhung.

Trichet wies darauf hin, dass sich das Wachstum im dritten Quartal 2004 im Euroraum etwas abgeschwächt habe. Ursachen seien unter anderem der Privatkonsum, der wahrscheinlich vom hohen Ölpreis gedämpft worden sei. Die kurzfristigen Aussichten seien „Besorgnis erregend“, erklärte Trichet. Auch mittelfristig bestünden Aufwärtsrisiken.

Dass sich Trichet kaum zum Eurokurs geäußert hat, muss Experten zufolge nichts heißen. Eine mögliche Intervention der EZB sei damit jedenfalls nicht vom Tisch, sagte der Währungsanalyst Michael Schubert von der Commerzbank dem Tagesspiegel. „Da kann noch was kommen.“ Schließlich verlöre die EZB das Überraschungsmoment, wenn sie ein geplantes Eingreifen an den Devisenmärkten ankündigen würde. Verbale Interventionen brächten zum gegenwärtigen Zeitpunkt ohnehin nichts mehr. „Wenn die EZB weiter bellt und nicht beißt, werden die Spekulanten nur noch frecher“, sagte Schubert. Schon jetzt sei der Eurokurs nur noch durch Spekulationen zu erklären, mit realen Wirtschaftsdaten habe er nichts mehr zu tun.

Der Ökonom Gernot Nerb vom Münchner ifo-Institut interpretiert Trichets knappe Äußerungen sogar als Zeichen dafür, dass eine Intervention unmittelbar bevorstehen könnte. „Bevor eine Zentralbank interveniert, hält sie sich schließlich bedeckt“, sagte Nerb dem Tagesspiegel. Allerdings müsse die EZB dafür den richtigen Zeitpunkt abwarten. Am wahrscheinlichsten sei ein Eingreifen, wenn die europäische Währung kurzzeitig nachgibt, zum Beispiel auf 1,32 Dollar. „Dann ist es leichter, den Euro unter die Marke von 1,30 zu drücken“, sagte Nerb.

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