Wirtschaft : Neue Spekulation um Gewinneinbruch bei Siemens

BERLIN / MÜNCHEN (dw/rtr).Siemens droht nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" im laufenden Geschäftsjahr 1997/98 (zum 30.September) ein Gewinneinbruch.Der Konzern müsse für unvorhersehbare Risiken Rückstellungen von bis zu 2,5 Mrd.DM treffen, heißt es in einem am Freitag vorab veröffentlichten Bericht.Der Konzerngewinn werde dadurch um rund eineinhalb Mrd.DM auf bis zu einer Mrd.DM gedrückt.Zudem müßten bei der Verkehrstechnik-Tochter Duewag, die bei der Produktion des Schnellzuges ICE beteiligt ist, 500 Stellen gestrichen werden.Bank-Analysten zeigten sich von dem Vorabbericht des Spiegel allerdings nicht beeindruckt: Die Fakten seien zum großen Teil bereits bekannt und nicht allzu relevant für die Beurteilung des Aktienkurses.Eine Siemens-Sprecherin bezeichnete den Bericht als Spekulation.Das laufende Geschäftsjahr gehe erst mit dem 30.September zu Ende.Die Berechnung der Bilanz werde dann noch einige Wochen dauern.

Die Ursachen für die negative Entwicklung in dem deutschen Elektronikkonzern liegen dem "Spiegel" zufolge in den Geschäftsbereichen Verkehrstechnik, Energieerzeugung, Halbleiter und Private Kommunikation.Dem Magazin zufolge droht in der Verkehrstechnik 1997/98 ein Jahresverlust von mehr als einer halben Mrd.DM.Auch die Energieerzeugung habe unerwartete Kosten in dreistelliger Millionenhöhe zu erwarten.Im Bereich Halbleiterbereich drohe der Verlust "weit über einer Mrd.DM" zu liegen.Außerdem ließen Probleme beim Handy-Geschäft im Bereich Private Kommunikationssysteme gerade einmal noch "eine schwarze Null" erwarten.

Auf der Sommer-Pressekonferenz vor acht Wochen in Den Haag hatte der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Heinrich von Pierer, die genannten Geschäftsfelder jedoch bereits ebenfalls als "akut problematisch" bezeichnet und die Gewinnerwartungen gedämpft.Auch den Milliardenverlust im Halbleitergeschäft hatte von Pierer angekündigt.Siemens werde sein ursprüngliches Ziel, den Vorsteuergewinn von 2,6 Mrd.auf über drei Mrd.DM zu steigern, nicht erreichen.Von Pierer hatte gleichzeitig ein Zehn-Punkte-Programm zur Konzernsanierung vorgelegt.Als Siemens wenige Wochen später die Schließung der noch jungen Chip-Fabrik in Großbritannien angekündigt hatte, hieß es, die Schließung werde rund eine Mrd.DM kosten.

Die "Spiegel"-Behauptung, als nächstes drohe die Schließung des gemeinsamen Chip-Werkes mit IBM im französischen Essonnes an, wollte eine Firmensprecherin nicht bestätigten.Der Konzern hatte in Den Haag bereits erklärt, wenn sich die Lage am Speicherchip-Markt nicht bessere, müßten weitere Kapazitäten abgebaut werden.

Der Berliner Siemens-Sprecher Enzio von Kühlmann-Stumm bestätigte, daß in den vergangenen acht Wochen die Gasturbinenbauer des Bereichs KWU tatsächlich "schmerzhafte Nachbesserungen" leisten mußten und dadurch neue Kosten angefallen seien.Ansonsten habe es aber seit der Den Haag-Konferenz vor zwei Monaten keine unangenehmen Überraschungen in den Berliner Werken gegeben.

Roland Pitz, Siemens-Analyst der HypoVereinsbank (München), sagte, die im Spiegel-Vorabbericht genannten Zahlen seien "nicht neu".Die genannten Sondereffekte für dieses Geschäftsjahr seien bekannt, ihr Einfluß auf das "Ergebnis pro Aktie" gering.Er glaube nicht, daß sich der Spiegel-Bericht nennenswert auf den Aktienkurs auswirken werde.Die Veränderungen am Freitag könnten ebenso mit der allgemeinen Marktunsicherheit vor der Bundestagswahl zu erklären sein.Wichtiger als der Jahresüberschuß sei für die Anlage-Empfehlung der Banken, wie der Konzern bei der Bilanzvorlage und der anschließenden Analystenkonferenz im Dezember die Zukunftspläne darstelle.Siemens müsse dann spezifizieren, in wieweit das Zehn-Punkte-Programm bereits umgesetzt worden sei und wie der weitere Zeitplan im Detail aussehe.Es gebe unter den Analysten "eine hohe Erwartungshaltung", nachdem "Siemens sich selbst die Meßlatte so hoch gelegt hat." Die Vereinsbank hatte die Siemens-Aktie nach dem Zehn-Punkte-Programm weiterhin als "marktneutral" (halten) eingestuft.

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