Neue Studie : Forscher warnt Atomkonzerne vor Verlusten

Laut einer neuen Studie der Universität Flensburg würde eine Laufzeitverlängerung Milliarden kosten. Kernkraftwerke seien als Brücke hin zu erneuerbaren Energien ungeeignet.

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Eine am Mittwoch in Berlin veröffentlichte Studie der Universität Flensburg stellt einige elementare Weisheiten der Energiewirtschaft auf den Kopf: Bereits steuerlich abgeschriebene Atomkraftwerke sind praktisch Gelddruckmaschinen, lautet eine. Diese Annahme bewegt die Betreiber von Atomkraftwerken derzeit dazu, mit allen Mitteln bei der Bundesregierung für eine Laufzeitverlängerung der Kraftwerke zu kämpfen. Die Politik wiederum geht davon aus, dass man gerade wegen der erwarteten Milliardengewinne die Betreiber von Atomkraftwerken mit einer Brennelementesteuer belegen soll. „Ja, das könnte theoretisch klappen“, sagte Olav Hohmeyer, Professor an der Uni Flensburg, bei der Vorstellung seiner Studie in Berlin. Aber nur, wenn der Gesetzgeber dem mit Akw produzierten Strom zugleich einen Vorrang im Netz einräume.

Derzeit ist das Gegenteil der Fall: Stromnetzbetreiber müssen dem regenerativ erzeugten Strom, etwa von Windkraft-, Biomasse- oder Solaranlagen, den Vorrang einräumen. Das ist politisch so gewollt, damit die erneuerbaren Energien am Markt gegen die konventionellen Kraftwerke bestehen können. Wenn sich daran nichts ändere, dürften die Akw-Betreiber Eon, RWE, Vattenfall und EnBW nach Hohmeyers Berechnung gemeinsam Verluste von bis zu rund 80 Milliarden Euro verbuchen – das gelte im Extremfall bei einer von der Industrie gewünschten Laufzeitverlängerung von 28 Jahren. Bei einer von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) vorgeschlagenen Laufzeitverlängerung von acht Jahren würden die Betreiber immer noch 1,1 bis vier Milliarden Euro verlieren, rechnet der Energieforscher vor.

Der Hintergrund ist ein technischer: Atomkraftwerke erzeugen gleichmäßig Strom, die sogenannte Grundlast. Sobald aber zum Beispiel zu viel Windstrom im Netz ist, müssen Atomkraftwerke gemäß der Rechtslage ihren Betrieb drosseln, sobald Starkwind aufkommt oder Solaranlagen in der Mittagssonne besonders viel Strom einspeisen. Das können Akw aber besonders schlecht: 50 Stunden brauche es im Schnitt, bis ein Reaktor nach dem Herunterfahren wieder seine volle Leistung erreicht. Zum Vergleich: Ein Kohlekraftwerk schaffe das in rund vier Stunden, moderne Gaskraftwerke in nur 20 Minuten. Auch in diesen Pausen, die sich häufen, je mehr Windräder ans Netz gehen, entstehen bei den Betreibern konventioneller Kraftwerke weiter Betriebskosten, Steuern werden gezahlt. „Insofern sind Kernkraftwerke als Brücke ins Zeitalter der erneuerbaren Energien völlig ungeeignet“, sagte Hohmeyer.

Bezahlt hat seine Studie der Ökostromanbieter Lichtblick. Der fürchtet, dass die Regierung nach einer Laufzeitverlängerung den Akw auch den Netzvorrang einräumen könnte. Das würde Ökostrom unrentabel machen.

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