Wirtschaft : Neuer Bayer-Chef will den Konzern umbauen

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Analysten und Aktionärsvertreter erwarten am Freitag eine große Mehrheit für die Umstrukturierung des Bayer-Konzerns. "Alles andere wäre eine Überraschung", sagte Andreas Theisen, Pharma-Analyst der WestLB, einen Tag vor der Hauptversammlung am Donnerstag. Die neue Organisationsform mit den vier selbstständigen Bereichen Gesundheit, Pflanzenschutz, Polymere (Kunststoffe) und Chemie soll ab dem 1. Juli in die Praxis umgesetzt werden. Offiziell wird die neue Holding am 1. Januar 2003 gegründet. Für Manfred Schneider, der den Konzern zehn Jahre geleitet hat, wird es die letzte Hauptversammlung als Bayer-Chef sein: Er übergibt das Amt am Freitag an seinen bisherigen Finanzvorstand Werner Wenning. Schneider selbst wird an die Spitze des Aufsichtsrates wechseln.

Das Pharma- und Chemieunternehmen ist geschwächt. Erst hatte Bayer die Produktion des Blutgerinnnungsmittels Kogenate wegen Qualitätsproblemen zeitweise einstellen müssen, wenige Monate später dann den Cholesterinsenker Lipobay nach Todesfällen weltweit vom Markt nehmen müssen. Das bescherte Bayer im vergangenen Jahr einen Ausfall von rund einer Milliarde Euro Umsatzpotenzial und kurzfristig einen Absturz der Bayer-Aktie um 17 Prozent.

Auch nach dem ersten Quartal 2002 sind die Analysten in der Beurteilung hin- und hergerissen. In den Bereichen Polymere und Chemie werden magere Zahlen erwartet, belastet durch die noch immer schwache Konjunktur. Saisonal bedingt bessere Zahlen sagen die Analysten für die Agrochemie voraus. Nach der Übernahme der Aventis-Tochter Crop-Science für 7,25 Milliarden Euro im vergangenen Jahr macht das Geschäft mit Gesundheit und Pflanzenschutz rund 55 Prozent des Bayer-Gesamtumsatzes aus. Die Zahlen für das erste Quartal will Bayer vor Beginn der Hauptversammlung vorlegen.

Niemand erwartet, dass der designierte Konzernchef Wenning dann auch einen Strategiewechsel bekanntgeben wird. Wie sein Vorgänger will er die vier Säulen Gesundheit, Pflanzenschutz, Polymere (Kunststoffe) und Chemie unter dem Konzerndach weiterführen.

Um den schwächelnden Geschäftsbereich wieder in Schwung zu bringen, sucht Bayer nach einem Partner. Der Wunschkandidat soll ein starkes Standbein auf dem lukrativen US-Markt haben und in den nächsten Jahren neue Produkte auf den Markt bringen. Was die Suche erschwert: Die Leverkusener wollen sich nicht mit der Rolle des Juniorpartners begnügen, sondern den Ton angeben. Auch darum ist es mehr als unwahrscheinlich, dass Bayer schon auf der Hauptversammlung Details einer neuen Partnerschaft bekanntgibt.

Wenning selbst hatte vor wenigen Tagen gesagt, er rechne bis zum Jahresende mit einer "Indikation" für die Pharma-Sparte. Er weiß, dass die Zeit drängt: An der Börse wird es erst wieder bergauf gehen, wenn das Pharma-Problem gelöst ist. Immer wieder aufkochende Gerüchte, wonach Bayer die Pharma-Sparte selbstständig an die Börse bringen will, werden von Beobachtern derzeit als nicht sehr wahrscheinlich eingeschätzt.

Die Pharma-Sparte wird auch die Aktionäre am Freitag besonders beschäftigen. So will die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz den Vorstand nicht entlasten, weil sie erhebliche Defizite in der Informationspolitik beim Rückruf des Cholesterinsenkers Lipobay beklagt. Bayer hatte diese Kritik in der Vergangenheit stets zurückgewiesen.

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