Wirtschaft : Neuer Bundesbankpräsident Welteke sieht gegenwärtig keine Inflationsgefahr

Der neue Bundesbankpräsident Ernst Welteke sieht in der jüngsten Zinserhöhung der US-amerikanischen Notenbank kein Signal für die Zinsentwicklung in der Europäischen Währungsunion. Dem Magazin "Stern" und der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte der seit gestern amtierende Bundesbankpräsident, es gebe keine Notwendigkeit, bei den Zinsen irgendetwas zu verändern. "Ich sehe im Moment keinen Anlass, an der Zinsschraube zu drehen", erklärte Welteke im Gespräch mit der Zeit. Gegenüber dem Stern betonte er, es gebe gegenwärtig keine Inflationsgefahren, die Geldmenge wachse moderat, und für die Konjunktur sehe er "einige Hoffnungsschimmer". Er sei optimistisch, dass Deutschland im Jahr 2000 ein Wirtschaftswachstum von mehr als 2,5 Prozent erreichen werde. Wiederholt war an den Märkten darüber spekuliert worden, dass sich die Europäische Zentralbank nach der jüngsten Zinserhöhung der Amerikaner womöglich noch in diesem Jahr zu einer geldpolitischen Wende durchringen würde. Erst im Frühjahr hatten die Europäer überraschend deutlich die Zinsen gesenkt.

Mit der Kursentwicklung des Euros zeigte sich Welteke zufrieden. Die neue Währung sei gegenüber dem Dollar "reichlich hoch" gestartet. Für die zwischenzeitliche Schwäche machte er auch Zweifel an der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung und den Kurs des zurückgetretenen Finanzministers Oskar Lafontaine verantwortlich. Auf einer USA-Reise im Februar habe es in Gesprächen mit großen internationalen Anlegern nur ein Thema gegeben: "Ich musste dauernd Oskar Lafontaine erklären."

Um die noch bestehende Skepsis gegenüber dem Euro in Deutschland abzubauen, kündigte Welteke "eine große Aufklärungskampagne" der Europäischen Zentralbank an. Aber auch die Wirtschaft müsse mehr für einen reibungslosen Übergang zum neuen Bargeld im Jahr 2002 tun: "Leider hinken wir in Deutschland bei der doppelten Preisauszeichnung hinterher."

Welteke, der am Mittwoch das neue Amt von seinem Vorgänger Hans Tietmeyer übernahm, sprach sich zugleich gegen Forderungen aus Frankreich aus, die Arbeitslosigkeit stärker auf europäischer Ebene zu bekämpfen. Insbesondere dürfe der Europäischen Zentralbank "keine beschäftigungspolitische Verantwortung" aufgebürdet werden: "Die Notenbank ist nicht für Wachstum, nicht für Beschäftigung, nicht für die Einkommensverteilung, nicht für Vermögensverteilung oder Rentenfragen verantwortlich."

Auch der Kaufkrafttheorie, nach der kräftige Lohnerhöhungen die Nachfrage ankurbeln sollen, erteilte der Sozialdemokrat und ehemalige hessische Wirtschafts- und Finanzminister eine klare Absage. Vielmehr sollten Gewerkschaften und Arbeitgeber mit Lohnerhöhungen "eher unter dem Produktivitätszuwachs" bleiben: "Dann können mehr Leute in Arbeit kommen." Der neue Bundesbankpräsident sprach sich auch für eine stärkere Lohndifferenzierung nach Branchen und Regionen aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar