Wirtschaft : Neuer Drive für Auslandsinvestitionen

ANDREAS BOHNE (HB)

DÜSSELDORF .Wenn der Euro kommt, wird alles anders, auch bei Investitionen.Das stimmt - und stimmt zugleich auch nicht.Ausgerechnet ein japanisches Großvorhaben bringt es an den Tag.Der japanische Automobilhersteller Toyota will im nordfranzösischen Lille ein Werk errichten, in dem Toyota erklärtermaßen für ganz Euroland produzieren will.Und um seine hochmoderne Fabrik wird er Komponentenzulieferer aus dem In- und Ausland ansiedeln, die sonst wohl kaum den Weg nach Lille gefunden hätten.

Die von der gemeinsamen Währung ausgelöste Neuausrichtung von Fertigungsnetzen, Zulieferbeziehungen und Vertriebsstrukturen gibt Standortentscheidungen und Investitionen einen Euro-Drive, wie Reinhard Kudiß, Euro-Experte beim BDI, aus Diskussionen mit Verbandsmitgliedern weiß.Schon unter dem Eindruck der D-Mark-Aufwertung haben von 1992 bis 1995 viele Mittelständler ins Ausland expandiert.Und die Hoffnung auf mehr Investitionen gerade dieser Firmengruppe in Euroland ist durchaus realistisch, weil die elf Teilnehmerländer der Europäischen Währungsunion (EWU) traditionell Hauptaktionsfeld dieser Firmen sind.

Zwar warnt Kudiß vor "Euro-Phorie" - denn auch mit der neuen Währung wird in vielen Branchen weiterhin regional gewirtschaftet und investiert werden: Für kleinere Mittelständler ist der deutsche Markt groß genug.Nicht jeder mag sich zudem auf andere Sprachen, ungewohnte Rechtsvorschriften und abweichende Handelsbräuche so weit einlassen, wie das Euro-Investitionen erfordern.Aber beim BDI kann man sich vorstellen, daß der Euro der Investitionstätigkeit deutscher Unternehmen eine neue Nuance geben wird - als Katalysator für Entwicklungen, die ohnehin im Gange sind.

Auch beim DIHT erwartet man "keinen Investitionsschub durch den Euro im Ausland", sagt Volkswirt Günter Lambert.Immerhin werden die Kosten und Ertragsaussichten bei Investitionen in Euroland durch die neue Währung besser vergleichbar, was kleineren Unternehmen den Schritt zum Auslandsfertiger erleichtern könnte.Das gilt vor allem im Süden wie in Italien, Spanien und Portugal, wo Transparenz wegen der Kursschwankungen wichtiger ist als im engeren D-Mark-Block.

Kaum Änderungen ergeben sich auf der Finanzierungsseite.Die Zinsen konvergieren schon lange.Sie sind in (fast) ganz Euroland vergleichbar, wie Jörg Chittka, Euro-Experte bei der Deutschen Industriebank (IKB) unterstreicht.Zudem ist die Kreditwirtschaft wohl die Branche, die sich bisher am konsequentesten auf den Euro vorbereitet hat.Doch bleiben natürliche Hürden bestehen.So werden bei Auslandsinvestitionen kaum die am neuen Standort ansässigen Banken zum Zuge kommen."Firmenkundengeschäft ist Relationship banking", sagt Chittka.Noch lange werden vorrangig die Hausbanken den Schritt über die Grenze begleiten.Daß sich das Auslandsengagement auch kleinerer deutscher Firmen verstärken wird, daran hat auch Chittka keinen Zweifel."Es wird sich zwar nicht mit dem Jahreswechsel alles ändern", sagt Chittka."Die Leute konnten auch vorher schon rechnen." Aber in den Auslandsstrategien werden Überlegungen, marktnah zu produzieren, wichtiger.Durch den Euro treten Standortfaktoren deutlicher hervor.

Das beflügelt im übrigen nicht nur die Auslandsinvestitionen: Denn der Euro legt auch die Vorteile des Standorts Deutschland offen, vor allem die hohe Produktivität.Im Standortwettbewerb werden "mit der Einführung des Euro die Karten neu gemischt", weiß Kudiß.Der BDI hofft, daß dies in der öffentlichen Debatte um die Wirtschaftspolitik auch als Chance verstanden wird - und daß dies irgendwann auch zu mehr Investitionen in der Bundesrepublik führt.

Dagegen würden die praktischen Aspekte der Kalkulation und Abwicklung von Auslandsinvestitionen im Zeichen des Währungswechsels verblassen, die von den Fachleuten ohnehin nicht sehr hoch eingeschätzt werden.DIHT-Mann Lambert: "Jeder Regierungswechsel in Deutschland ist bedeutender."

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