Neuer Gesamtmetall-Chef : "Wir sind nicht in einer bolivianischen Mine"

Rainer Dulger ist stolz auf seine Familienfirma. Trotz Leiharbeit will er von prekären Arbeitsverhältnissen nichts wissen. Als neuer Präsident von Gesamtmetall vertritt er künftig den größten deutschen Industriezweig.

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Stolz auf die Familie. Rainer Dulger (48) führt zusammen mit seinem Bruder den Heidelberger Pumpenhersteller. 1960 wurde die Firma von seinem Vater gegründet.
Stolz auf die Familie. Rainer Dulger (48) führt zusammen mit seinem Bruder den Heidelberger Pumpenhersteller. 1960 wurde die Firma...Foto: promo

Heidelberg - Das Bild ist nicht ganz stimmig, aber Ingenieure aus dem baden- württembergischen Mittelstand sind ja auch weniger für ihre Sprachkünste bekannt. „Jede Pumpe ist ein Maßanzug“, sagt Rainer Dulger. Seine Firma Prominent hat 400 000 Varianten im Programm. Auch die mikroprozessorgesteuerte Magnetmembran-Dosierpumpe – mit dem Ding ist Prominent sogar Weltmarktführer.

Eine typisch deutsche Unternehmensgeschichte: 1960 gründet der Ingenieur Viktor Dulger in Heidelberg die Firma, die heute mit 2300 Mitarbeitern mehr als 300 Millionen Euro umsetzt – und Pumpen baut für Wasser, Öl und Gas in Tschechien, China, den USA und auf Malta. In 56 Ländern hat Prominent eigene Vertriebs- und Servicegesellschaften. Das Unternehmen wird geleitet von Andreas und Rainer Dulger, den beiden Söhnen des Gründers, der den Aufsichtsrat leitet und bei Bedarf entscheidet: „Grundsätzlich hat der Vater noch das letzte Wort“, sagt Rainer Dulger über den 76-Jährigen.

Den hat er auch gefragt, als ihm einer der wichtigsten Posten in der deutschen Wirtschaft angetragen wurde. Der Vater hatte nichts dagegen, und so wird Rainer Dulger nun an diesem Freitag zum Präsidenten von Gesamtmetall gewählt, dem Dachverband der Metall- und Elektroindustrie, die 3,7 Millionen Beschäftigte hat. Nach zwölf Jahren im Amt tritt der 70-jährige Martin Kannegiesser ab. Er war nach der vergangenen Tarifrunde im Frühjahr auf Dulger zugegangen. „Du kannst das, bitte mach es.“ Der 48-jährige Dulger beriet sich („keiner hat abgeraten“) und sagte zu. Damit verlässt er die Regionalbühne – Dulger war Präsident von Südwestmetall und in dieser Funktion Verhandlungsführer der Arbeitgeber – und wechselt nach Berlin in die Gesamtmetallzentrale am Potsdamer Platz.

Eigentlich wollte er Pilot werden, doch bei der Größe (1,98 Meter) war das nicht möglich. Also ging Dulger ins Unternehmen, wo er nun als Geschäftsführer Technik fungiert. Im Schnitt einen Tag in der Woche will er sich der Verbandsarbeit widmen – nicht viel mehr als bislang schon bei Südwestmetall. „Ich habe schon immer den Ausgleich gesucht und den Dialog“, beschreibt Dulger seine Motivation für das Ehrenamt. Dabei sei das auf Verbandsebene schwieriger geworden wegen der Heterogenität der Branchen und Firmen. „Es wird immer anspruchsvoller, den gemeinsamen Nenner zu finden.“ Also alle Interessen so zu bündeln, dass sie am Ende in einen Tarifvertrag passen.

Am Flächentarif hält er dennoch fest wegen der „friedensstiftenden Wirkung“. Mit der anderen Seite kommt er „sehr gut zurecht“. Sowohl die IG Metall als auch die Betriebsräte in der eigenen Firma verfolgten ihre Interessen. „Das müssen sie auch“, sagt Dulger. Am Ende ziehe man dann aber doch „an einem Strang für die Wettbewerbsfähigkeit“. Im neuen Spitzenamt möchte er „Kontinuität“ wahren – und schlägt doch bei einem wichtigen Thema einen anderen Ton an als sein Vorgänger.

Kannegiesser hatte mehr oder weniger offen für den Austritt Griechenlands und eine Aufteilung der Eurozone geworben. Für Dulger wäre ein Austritt der Griechen ein „ganz schlechtes Signal“. Und wenn die Troika das befürwortet, würde er ihnen auch mehr Zeit geben zur Sanierung des Landes. An der Bedeutung der Einheitswährung hat der global aufgestellte Unternehmer keinen Zweifel. „Wir sind auch wegen der Europäischen Union und wegen des Euros Exportweltmeister geworden.“

Dulger ist stolz auf die Familienfirma, die ausschließlich auftragsbezogen produziert, ihre Leute gut bezahlt, aber auch Leiharbeiter einsetzt. Prekäre Arbeitsverhältnisse gebe es dennoch nicht. „Wir sind nicht in einer bolivianischen Mine, sondern im deutschen Mittelstand. Hier herrscht Anstand und Sauberkeit.“ Dass die Belegschaft auch schon mal gestreikt hat, „gehört dazu“, meint Dulger. „Sonst funktioniert Demokratie nicht.“

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