Wirtschaft : Neuer Glanz aus Frankfurt

Warum immer mehr chinesische Firmen an die Deutsche Börse wollen – und dafür drastische Kursverluste in Kauf nehmen.

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Freudenmoment. Jianshe Cai (l.), CEO des chinesischen Bad-Armaturenherstellers Joyou, feiert im März 2010 mit Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni den Börsengang. Foto: Reuters
Freudenmoment. Jianshe Cai (l.), CEO des chinesischen Bad-Armaturenherstellers Joyou, feiert im März 2010 mit Deutsche-Börse-Chef...Foto: REUTERS

Frankfurt am Main - Ming Le Sports und Fast Casualwear sind die jüngsten Glieder einer mittlerweile erstaunlich langen Kette. Während deutsche Unternehmen reihenweise ihre geplanten Börsengänge absagen, lassen sich hierzulande unbekannte Firmen nicht beirren. Statt des deutschen Chemiekonzerns Evonik bereichern der chinesische Sportartikel-Hersteller Ming Le und die Schuhfirma Fast Casualwear aus dem fast 9 000 Kilometer entfernten China den Kurszettel der Frankfurter Börse. Wing Chi Chong, 54-jähriger Chef der Schuhfirma, freut sich, als er in Frankfurt sein Unternehmen vorstellt. Die Börsennotiz in Frankfurt sorge für ein gutes Image im Reich der Mitte. 35 chinesische Unternehmen sind bislang an der Deutschen Börse gelistet. „In diesem Jahr werden es mit Sicherheit noch mehr“, sagt Börsensprecher Andreas von Brevern.

Seit sechs Jahren bietet die Deutsche Börse chinesischen Firmen die Plattform für Börsengänge. Die nehmen das Angebot dankend an, auch wenn die Gebühren in Frankfurt für sie nicht geringer sind als für deutsche IPO-Aspiranten – die drei Buchstaben stehen für Initial Public Offering, den englischen Terminus für Börsengang. Es sind andere Gründe, die die Chinesen nach Deutschland locken, wie Benjamin Schmid vom Börsendienstleister Steubing in Frankfurt weiß, der Ming Le beim IPO in Mainhattan unterstützt. „In China ist es für kleinere Firmen sehr schwierig, an die Börse zu gehen. Zwei bis drei Jahre Wartezeit müssen sie einkalkulieren“. Börsen-Sprecher von Brevern zufolge ist „die IPO-Pipeline dort so dicht, dass Mittelständler sogar oft gar nicht zum Zuge kommen“. In Deutschland sei die Börsennotierung schneller zu erreichen, bestätigt Ming-Le-Chef Chong.

Also streben chinesische Mittelständler im nunmehr sechsten Jahr nach Deutschland. Die hohen Schwankungen der Kurse und die Krise in Euroland schrecken sie im Gegensatz zur Siemens-Tochter Osram oder zum Versicherungskonzern Talanx nicht ab. Die Deutsche Börse, die mit eigenen gut besuchten Seminaren direkt in China für ihre Dienste wirbt, hat dort einen offenbar tadellosen Ruf.

Natürlich geht es den Firmen aus dem Reich der Mitte auch darum, Geld einzusammeln. Aber es sind in der Regel überschaubare Beträge. Selten ist es mehr als eine zweistellige Millionensumme, bei Ming Le sind es jetzt rund 5,8 Millionen Euro. Bei den anderen bisherigen Börsengängen chinesischer Firmen in diesem Jahr waren es jeweils nur rund drei Millionen Euro. Eine Ausnahme bildet der Armaturenhersteller Joyou, der 2010 sogar 103 Millionen Euro einsammeln konnte. Das Geld dient nicht dazu, das Geschäft in Europa anzukurbeln. „Den Erlös nutzen die Firmen vor allem für Investitionen in China. Die Wachstumsmöglichkeiten dort sind enorm“, sagt Schmid. Ming Le etwa will im Reich der Mitte eine neue Fabrik bauen und rund 650 neue Geschäfte eröffnen.

Erst eines der chinesischen Unternehmen musste die Frankfurter Börse bislang wieder verlassen. Einige andere wurden ermahnt wegen Ungereimtheiten bei den Zahlen. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Kursentwicklung bei den meisten Papieren bislang alles andere als glänzend ist. Die Verluste seit dem Börsengang belaufen sich bei vielen Papieren auf 30 oder 50, in der Spitze sogar auf 90 Prozent – wie etwa beim Technologieunternehmen Zhongde Waste Technology, das 2007 der erste Chinese in Frankfurt war. Das ist auch deshalb kein Wunder, weil viele der Unternehmen rote Zahlen schreiben. Die Gewinner lassen sich an einer Hand abzählen. Und deren Kursgewinne sind mit meist weniger als zehn Prozent seit dem Börsengang sehr überschaubar.

Ein Trost: Deutsche Klein-Anleger sind von den drastischen Einbußen kaum betroffen. „Bei diesen Firmen steigen überwiegend große institutionelle Investoren ein, wie Versicherungen, Fonds oder Pensionskassen. Privatanleger kommen aufgrund des meist geringen Emissionsvolumens selten zum Zug“, sagt Börsen-Sprecher von Brevern. Rolf Obertreis

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