Wirtschaft : Neuer Markt: Anleger wollen Schadenersatz

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Nach den jüngsten, dramatischen Kursverlusten am Neuen Markt erheben immer mehr betroffene Anleger Schadenersatzforderungen. Der Vorwurf: Unternehmen haben in Börsenprospekten und Ad-hoc-Mitteilungen überzogene Prognosen abgegeben, Falschinformationen verbreitet und Anleger nicht früh genug vor gravierenden Veränderungen im Geschäftsablauf informiert. "Wir bearbeiten zurzeit rund 150 Anfragen von EM-TV-Aktionären", sagte Rechtsanwalt Dietmar Kälberer von der Tübinger Kanzlei Tilp & Kälberer am Mittwoch dem Tagesspiegel. Die Spezialisten auf Kapitalanlagerecht prüfen neben EM-TV 15 weitere Börsenprospekte von Neuer-Markt-Firmen, "deren Aktienkurse alle zwischen einem und null Euro liegen", so Kälberer. "Und der Absturz von Intershop hat uns natürlich auch neugierig gemacht."

Der Medienkonzern EM.TV sieht indes keinen Anlass für direkte Verhandlungen mit Anlegern. "Das Unternehmen und seine Leitung unterstützen die Staatsanwaltschaft aktiv bei ihren Ermittlungen", sagte ein EM.TV-Sprecher am Mittwoch in München. Deshalb seien weitere, außergerichtliche Verhandlungen nicht notwendig. Die Erfolgsaussichten einer juristischen Auseinandersetzung werden von Juristen und Anlegerschützern unterschiedlich beurteilt. Die deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) will im Fall EM-TV zunächst den Ausgang der Ermittlungen von Staatsanwalt und Polizei abwarten. Mehr als 400 betroffene EM-TV-Aktionäre haben sich nach DSW-Angaben inzwischen gemeldet. Skepsis ist auch beim Deutschen Aktien-Institut (DAI) zu vernehmen. "Es liegt in der Natur der Sache, dass Unternehmen sich bei Prognosen über ihre Zukunft irren können", sagt Markus Herdina vom DAI. Welchen Erfolg Klagen gegen fahrlässigen Optimismus haben, vermag auch er nicht zu sagen.

"Wir betreten juristisches Neuland", räumt Rechtsanwalt Dietmar Kälberer ein. Trotzdem will seine Kanzlei noch im Januar ein entsprechendes Anspruchsschreiben EM-TV zusenden. Der Schaden der Mandanten belaufe sich nach ersten Schätzungen auf insgesamt mindestens zehn Millionen Mark. Tilp & Kälberer streben eine außergerichtlichen Verhandlung an, die zunächst für eine Gruppe von "20 bis 30" Anlegern geführt werden solle. Einem Bericht der "Financial Times Deutschland" zufolge sollen in der kommenden Woche weitere Forderungen von 100 geschädigten Anlegern EM-TV für außergerichtliche Vergleichsverhandlungen vorgelegt werden. Es gehe um eine Schadenshöhe von bis zu fünf Millionen Mark, sagte der Münchener Anwalt Klaus Rotter dem Blatt.

Der juristische Streit dreht sich um die Frage, inwieweit Anleger aus der 1995 neu gefassten Regelung zur Ad-hoc-Publizität im Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) Ansprüche geltend machen können. Art und Umfang von Ad-hoc-Mitteilungen, in denen börsennotierte Gesellschaften kursrelevante Informationen veröffentlichen müssen, sind in Paragraph 15 WpHG geregelt. Darin wird allerdings ausgeschlossen, dass Anleger aus der Ad-hoc-Verpflichtung der Unternehmen bei Kursverlusten einen Anspruch auf Schadenersatz haben. "Wir brauchen also einen juristischen Weg, der um diesen Ausschluss herumführt", sagt Anwalt Dietmar Kälberer. Stützen könnte sich eine Klage auf Ansprüche aus der so genannten Prospekthaftung. Schadenersatz kann nämlich dann gefordert werden, wenn ein Unternehmensbericht beim Börsengang - der so genannte Börsenprospekt - unrichtige oder unvollständige Angaben enthält. Dies betrifft auch einen Nachtrag zum Prospekt. Dietmar Kälberer: "Eine Ad-Hoc-Meldung könnte man also als Nachtrag interpretieren oder selbst zum eigenständigen Prospekt oder Unternehmensbericht erklären." - Die unklare Gesetzeslage macht die juristische Auseinandersetzung kompliziert - und zeitaufwendig. Ein Problem für die Anleger: "Frühestens in sechs Monaten nach Kenntnis, spätestens in drei Jahren verjähren mögliche Schadenersatzansprüche aus der Prospekthaftung", sagt Dietmar Kälberer. Der Anwalt fürchtet im übrigen nicht um den Ruf des Neuen Marktes. Auch gehe es nicht darum, Anlegern das Spekulationsrisiko abzunehmen. "Uns stinkt aber, dass schwarze Schafe mit Falschinformationen auf Kosten der Anleger Kapital in großem Stil vernichtet haben."

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