Wirtschaft : Neuer Markt auf chinesisch

Betrug ist an Chinas Börsen keine Ausnahme – und staatliche Stellen mischen munter mit

James T. Areddy,Peter Wonacott

Ende Januar übergoss sich ein Mann in der Abenddämmerung mit Benzin – und steckte sich vor dem Gebäude der chinesischen Börsenaufsicht in Brand. Offensichtlich hatten ihn seine Verluste an der Börse in Verzweiflung gestürzt. Die Behörde verhängte eine Nachrichtensperre und installierte am Gebäudeeingang einen Feuerlöscher.

Zehn Tage später tauchten am gleichen Ort 30 wohlhabende Chinesen auf und klagten über laxe Börsenaufsicht und betrügerische Unternehmen. Dieses Mal erschienen drei einfache Angestellte und notierten die Beschwerden, während die Polizei den Vorgang filmte. Die Behördenmitarbeiter machten sich nicht die Mühe, die Namen der Beschwerdeführer zu notieren. „Es sind zu viele“, habe eine Vertreterin der Börsenaufsicht geklagt, sagt Cui Jingzhu. Es gäbe „jeden Tag“ Klagen und sie sei der Beschwerden überdrüssig. Die 50-jährige Jingzhu, früher Managerin in der Werbebranche, hat umgerechnet mehr als 460200 Euro an der Börse verloren.

Die chinesischen Börsenkurse sind auf ein Sechs-Jahres-Tief gesackt und die 60 Millionen Anleger sind verbittert. Der Staat pries die chinesischen Börsen in Schanghai und Shenzhen einst als Chance. Doch wie sich herausstellte, tummeln sich an den Handelsplätzen zahlreiche marode Unternehmen. Nur politische Beziehungen hatten den zerrütteten Firmen Zutritt zum Aktienmarkt verschafft. Bisher hat die Börsenaufsicht wenig gegen den wuchernden Insiderhandel und die mangelnde Transparenz der Unternehmen getan.

Die Wut der Anleger könnte für die regierende Kommunistische Partei gefährlich werden. Seit langem kämpft die Partei gegen soziale Unruhen an. Vor allem Arbeitslose und Bauern – von der hohen Steuerlast geplagt – machen ihrem Unmut laut Luft. Nun ist auch ein großer Teil der Mittelschicht wütend.

Wie kam es zur Talfahrt an den Börsen? Während die chinesische Volkswirtschaft zwischen 2000 und 2004 um 53 Prozent wuchs, sackte der Aktienindex an den chinesischen Börsen um jeweils mehr als ein Drittel ab. Besonders heikel ist, dass zwei Drittel des in Schanghai und dem südchinesischen Shenzhen notierten Aktienvolumens in Staatshand ist und nicht gehandelt wird. Das weckt nicht gerade den Appetit der Investoren, auch wenn es in den vergangenen Wochen erste Anzeichen gab, dass der Staat seinen Griff auf den Aktienmarkt lockert. Die handelbaren Aktien belaufen sich wertmäßig auf gerade mal 150 Milliarden Dollar – was dem Niveau der Dänischen Börse entspricht. Jenseits der politischen Dimension schadet die armselige Performance am Aktienmarkt der Volkswirtschaft. Anders als erhofft sind die Börsen nicht zur Kapitalquelle für Unternehmen geworden. Bankkredite sind weiter die mit Abstand wichtigste Finanzierungsquelle. Allein im vergangenen Jahr vergaben chinesische Banken Firmenkredite für rund 2,3 Billionen Dollar. Das ist mehr Kapital, als beide Börsen seit ihrer Gründung in den Jahren 1990 und 1991 eingesammelt haben.

Dabei galt der Aktienmarkt Anfang der 90er Jahre als Sahnehäubchen der chinesischen Wirtschaftsreformen. Chinesen kauften an den Börsen von Schanghai und Shenzhen zuhauf Aktien. Der Börsenhandel florierte. Dass Peking die Börsen nach außen unterstützte, trieb die Aktienkurse nach oben. Die chinesischen Aktienmärkte ständen vor „ungewöhnlichen Entwicklungschancen“, war etwa in einem viel beachteten Kommentar in der wichtigsten Zeitung der Kommunistischen Partei, der „People’s Daily“, im Juni 1999 zu lesen. Viele Chinesen fassten solche Äußerungen als Garantie für nahezu sichere Gewinne auf. Heute machen daher immer mehr Anleger die Regierung für ihre Börsenverluste verantwortlich.

Die Wertpapieraufsicht hat auf den Protest reagiert und kleinere Änderungen vorgenommen. Die Behörde zeigt aber wenig Interesse, fundamentale Probleme wie die späte Bekanntgabe wichtiger Marktdaten oder die Veröffentlichung falscher Unternehmenszahlen anzugehen. „Ist die chinesische Wertpapieraufsicht bereit, den Markt rigider zu kontrollieren?“, fragt ein früherer leitender Mitarbeiter der Behörde rhetorisch. „Ich denke nicht. Sie wollen einen Affront mit Interessengruppen vermeiden.“ Hinter vielen börsennotierten Unternehmen stünden regionale Regierungen. Trotz mehrerer Anfragen war die chinesische Börsenaufsicht zu einer Stellungnahme nicht bereit.

Wie Unternehmen mit guten Kontakten einen Anleger in die Irre führen können, zeigt das Beispiel Sichuan Topsoft Investment. Dem früheren Staatskonzern und Hersteller von Maschinenzubehör gelang mit der Unterstützung von Lokalpolitikern der Sprung an die Börse. Die Provinzfürsten hofften, ihre südwestliche Provinz Sichuan werde sich in einen Technologie-Standort verwandeln. Sichuan Topsoft stellte sich den Anlegern nicht nur als Softwareentwickler vor, sondern warb mit der verlockenden Aussicht auf einen Industriepark für die Mobilfunk- und Laptop-Produktion.

Die Investoren bissen massenweise an. Erst später erfuhren sie, dass Topsoft durch Kreditbürgschaften in Millionenhöhe belastet war. Nutznießer dieser Bürgschaften waren Firmen der gleichen Unternehmensgruppe. Da die Summe mit 210 Millionen Dollar fast doppelt so hoch wie das Vermögen des Unternehmens war, verstieß Topsoft gegen die Vorschriften. Danach dürfen Kreditbürgschaften 50 Prozent des Unternehmensvermögens nicht überschreiten.

Als die chinesische Börsenaufsicht den Regelverstoß entdeckte, hatte der Topsoft-Chef Song Ruhua seine Beteiligung an der Muttergesellschaft bereits für rund 24 Cents an zwei führende Angestellte verkauft und war in die USA geflohen, heißt es bei den Behörden in Sichuan. Die neuen Chefs von Topsoft versprachen, den Skandal aufzuklären: „Sobald etwas bekannt ist, werden die Anleger sofort informiert.“ Das war im Juli 2004. Seitdem hat die Unternehmensführung über keinen neuen Ermittlungsstand berichtet.

Eines der Opfer der Topsoft-Affäre ist Shao Yonghua. Der frühere Geschäftsmann aus Schanghai hat durch den Kauf von Topsoft-Aktien umgerechnet 97000 Dollar verloren. Der 53-Jährige musste seinen Sohn aus der Schweiz zurückholen; er konnte dessen Wirtschaftsstudium nicht länger finanzieren. Shao sagt, er fühle sich von den staatlichen Medien betrogen, weil sie die Börsen hochgeschrieben hätten. „Die Unternehmen waren nicht wegen ihrer wirtschaftlichen Leistung börsennotiert“, sagt er. „Ich werde meinem Sohn und anderen jungen Leute raten, die Börsen zu meiden.“

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