Wirtschaft : Neuer Markt: Banken sollen Neuemissionen besser prüfen

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Aus Sicht der privaten Aktionäre liegt im Neuen Markt einiges im Argen. Nach den Worten des Hauptgeschäftsführers der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker, betreffen 80 Prozent aller kritischen Anrufe, die Aktionäre an die Schutzvereinigung richten, dieses Marktsegment. "Die Probleme werden ständig größer", sagte Hocker am Dienstag vor der Presse in Düsseldorf. Die DSW halte es für dringend erforderlich, dass Großaktionäre bei Erreichen bestimmter Schwellenwerte Aktienkäufe und -verkäufe melden, wie dies für den Amtlichen Handel vorgeschrieben ist. "Es kann nicht angehen, dass die jungen Herren sich stillschweigend aus ihrem Unternehmen verabschieden", sagte Hocker.

Er fordert ferner die Banken auf, bei der Auswahl der Neuemissionen kritischer zu sein. Die "Lust auf Provisionen" dürfe nicht so groß werden, dass "unbrauchbare Unternehmen" an die Börse kämen. Er bemängelte zudem, dass die Börsenprospekte nach wie vor keinerlei Prognosen zu weiteren Geschäftsentwicklungen enthielten. Diese seien den auf "Hochglanzpapier gedruckten Analysen" vorbehalten, deren Inhalt für die Zeichner völlig unverbindlich sei. Zudem lägen die Bankenanalysten mit ihren Meinungen zuweilen noch "sehr deutlich neben der realen Entwicklung", vor allem wenn sie von den Konsortialbanken kämen.

Hocker geht davon aus, dass die Fälle Gigabell, die erste Pleite am jungen Markt, und Infomatec, wo die Staatsanwaltschaft ermittelt, keine Einzelfälle bleiben. Es sei damit zu rechnen, dass weitere Unternehmen zusammenbrechen. Dies sei für ein Segment wie den Neuen Markt zwar normal. Entscheidend sei allerdings, dass bei den Insolvenzen, die mit kriminellen Handlungen zu tun hätten, hart durchgegriffen werde.

DSW-Geschäftsführerin Jella Benner-Heinacher beklagte die zunehmend mangelnde Präsenz auf den Hauptversammlungen. Der Durchschnitt bei den Dax-Werten sei von 1998 bis 2000 von knapp 61 auf gut 54 Prozent gefallen. Eine Hauptversammlungsmehrheit sei damit bereits mit gut 27 Prozent Anteilen des Unternehmens gesichert. Deshalb sei das geplante Übernahmegesetz zu kritisieren, wonach ein Großaktionär erst dann ein Abfindungsangebot machen müsse, wenn er 30 Prozent oder mehr der Gesellschaft besitze. Die Regelung sollte deshalb mit einer Öffnungsklausel nach unten versehen werden.

Obwohl immer mehr Unternehmer an die Börse drängten, nehme auch die Zahl des Delistings, also die Einstellung der Aktiennotierung, immer mehr zu. An vielen Unternehmen der Old Economy sei die positive allgemeine Kursentwicklung nahezu spurlos vorbeigegangen. In der Regel funktioniert das Delisting dadurch, dass ein neuer Großaktionär den außenstehenden Aktionären ein freiwilliges Übernahmeangebot unterbreitet. Der "gewaltige Pferdefuß" bestehe aber darin, dass eine gerichtliche Überprüfung nicht möglich sei. Bei allen anderen Fällen, in denen ein Abfindungsangebot vorgeschrieben ist, könne die Höhe der Abfindungszahlung durch ein gerichtliches Spruchverfahren überprüft werden. Benner-Heinacher fordert deshalb, dies auch beim Delisting vorzuschreiben.

Vorgehen will die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz aber in Zukunft auch gegen Aktionäre, die Unternehmen mit Anfechtungsklagen erpressen. Damit den Aktionären das wichtige Recht auf Anfechtung eines Hauptversammlungsbeschlusses nicht eines Tages ganz genommen werde, müsse der Missbrauch bekämpft werden, so die DSW. Kurz vor dem 63. Deutschen Juristentag in Leipzig schlug die Schutzvereingung deshalb vor, künftig sollten Anfechtungsklagen vor Gericht auf ihre Relevanz überprüft werden. Komme ein Richter zu dem Schluss, dass sich die Klage auf einen abseitigen Aspekt bezieht, soll sie nach DSW-Vorstellungen in Zukunft ihre aufschiebende Wirkung verlieren.

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