Wirtschaft : Neuer Markt: Börse will Regeln verschärfen

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Die Regeln am Neuen Markt, dem Wachstumssegment der Deutschen Börse, sollen weiter verschärft werden. Spätestens bis Mitte 2002 soll ein für Unternehmen und Banken verpflichtender Kapitalmarktkodex in Kraft treten, der bei Börsengängen eine zuverlässige Information des Anlegers vorschreibt und die Flut von Bankenstudien eindämmen soll. Das kündigte Rainer Riess, Vorstandsmitglied der Deutschen Börse, am Mittwoch in Frankfurt an.

Damit bleibt Riess allerdings hinter den Forderungen einer ebenfalls am Mittwoch vorgelegten Studie zurück: In dem gemeinsam von Dresdner Kleinwort Wasserstein, dem Anwaltsbüro Shearman & Sterling, Roland Berger und der Börse erstellten "Neuer-Markt-Report" werden klare Regeln für die Zuteilung von Aktien verlangt. Vor allem aber wird eine Verschärfung der Haftungsmaßstäbe, eine Erhöhung der angedrohten Strafen und ihre konsequente Durchsetzung für kriminelle Manager gefordert. Nurwenn solche Regelungen schnell und konsequent durch den Gesetzgeber und die Börse umgesetzt würden, könne das Vertrauen der Anleger in den Neuen Markt zurückgewonnen werden, sagte Stephan Hutter von Shearman & Sterling. Prinzipiell seien die Zulassungsregeln für Unternehmen am Neuen Markt streng. Sie gingen zum Teil sogar über die Erfordernisse an der US-Technologiebörse Nasdaq hinaus.

Ein entscheidendes Manko sieht Hutter in der Marktaufsicht. In den USA ist dafür die staatliche Securities and Exchange Commission (SEC) verantwortlich. Sie prüft den Emissionsprospekt und untersagt die parallele Veröffentlichung von Bankenstudien über das betreffende Unternehmen, um allen Anlegern eine einheitliche Informationsbasis zu bieten. Vor allem ahndet sie Verstöße konsequent: Bei 529 Verfahren schöpfte sie 1999 unlauter erzielte Gewinne in Höhe von 650 Millionen Dollar ab und verhängte Strafen in Höhe von 191 Millionen Dollar. 62 von 64 Gerichtsverfahren der SEC endeten mit Verurteilungen. Der Neue Markt als privatrechtliche Veranstaltung wird dagegen durch die Deutsche Börse selbst überwacht. Dies erschwere die Durchsetzung von Sanktionen, sagte Hutter. Deshalb sei geplant, im vierten Finanzmarktförderungsgesetz die Möglichkeit zu schaffen, dieses Marktsegment an der Börse auf eine öffentlich-rechtliche Basis zu stellen.

Trotz dieser juristischen Defizite und trotz des dramatischen Kursverfalls sieht Börsen-Vorstand Riess den Neuen Markt im Vergleich zu anderen europäischen Wachstumsbörsen in guter Position. "Wir haben viel erreicht, sind aber nicht am Ziel." Auch für Andrew Lockhart, Chef der Aktienanalyse bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, ist der Neue Markt ein Erfolg. Bezüglich Marktkapitalisierung, Umsatz, Neuemissionen und Transparenz habe er eine dominierende Stellung. Ein Vergleich zur Nasdaq sei allerdings problematisch: Der Neue Markt sei erst gut vier Jahre, die Nasdaq aber schon 30 Jahre alt. Deshalb fehlten dem Neuen Markt auch erfolgreiche Standard-Aktien wie etwa SAP, Nokia oder Siemens. Bei einem Vergleich der Anfänge beider Börsen schneide der Neue Markt sogar besser ab.

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