Wirtschaft : Neuer Markt: Die Anleger flüchten

Der rasante Kursabsturz an Neuen Markt hat sich am Mittwoch zunächst fortgesetzt. Am frühen Nachmittag notierte der Nemax 50 mit einem Minus von rund 13 Prozent auf dem neuen Rekordtief von 2175 Punkten. Erst am Nachmittag konnte sich der Index für Wachstumstitel wieder leicht erholen und notierte gegen 17 Uhr mit 2353 Zählern rund 6,8 Prozent im Minus. Die schlechte Stimmung schlug auch auf den Dax durch. Er verlor gut ein Prozent auf 6214 Zähler.

Der Neue Markt erlebte den höchsten Kursverlust innerhalb eines Tages überhaupt. Ausgelöst wurde die Talfahrt einmal mehr durch die Aktie von Intershop, ein Schwergewicht im Nemax 50. Die Papiere des Jenaer Fabrikanten von E-Commerce-Software hatten bereist am Dienstag nach einer Gewinnwarnung Kursverluste von mehr als 70 Prozent hinnehmen müssen. Mit einem Fall auf bis zu 7,25 Euro (14,18 Mark) büßte der Wert des einstigen Vorzeigeunternehmens am Mittwoch zwischenzeitlich fast 25 Prozent ein.

Dennoch hat das Bankhaus Metzler die Aktien von Intershop auf "hold" heraufgestuft. Analyst Lothar Lubinetzki hatte die Aktie zuvor als "sell" bewertet. Gleichzeitig senkte das Bankhaus sein Kursziel für den Wert von 26 Euro auf 20 Euro. Weniger zuversichtlich zeigten sich andere Analysten. Die Kreissparkasse Pinneberg stufte das Papier von "abwarten" auf "verkaufen" herunter. Analyst Tomas Wolkenhauer erklärte zur Begründung, Intershop sei nun bei einer Marktkapitalisierung von rund einer Milliarde Euro ein interessanter Übernahmekandidat. Wolkenhauer erwartet, dass institutionelle Anleger weiter aus dem Wert "flüchten" werden. Er sieht den Kurs auf vier bis fünf Euro fallen. Von dieser Basis aus könnte ein Übernahmeangebot mit einem Aufschlag von 20 bis 30 Prozent kommen. "Dieses Angebot läge aber immer noch unter den derzeitigen Kursen - daher die Verkaufsempfehlung", sagte er. Es sei auch möglich, dass Intershop die Wende aus eigener Kraft versuchen werde. Um das Vertrauen der Börsianer und Analysten zurückzugewinnen, müsste das Unternehmen nachweisen, dass die jetzt ausgebliebenen Aufträge tatsächlich von den Kunden nur um ein oder zwei Quartale verschoben worden sind.

Neben Intershop drückten zunächst auch die Vorgaben aus den USA auf die Stimmung am Neuen Markt, die sich zusehends verschlechtert. Der Kurseinbruch am Dienstag und die Talfahrt am Mittwoch habe die letzten Optimisten vom Parkett vertrieben, sagte ein Frankfurter Händler. Langsam mache sich eine Weltuntergangsstimmung breit. "Der US-Markt für Technologie entscheidet über den Umsatz und die Kursrichtung deutscher Technologieunternehmen", sagte Thomas Hoffmann, Analyst der Frankfurter Sparkasse. Im Anschluss an Gewinnwarnungen amerikanischer High-Tech-Firmen seien die Zweifel an der Entwicklung des weltweit wichtigsten Technologiemarktes groß. Das zeige sich auch an den anhaltenden Verlusten der US-Wachstumstitel. Im europäischen Geschäft stehe Infineon, wie auch Intershop, gut da, betonte Hoffmann. Das reiche jedoch nicht aus.

Bereits am Dienstag war auch die US-Technologiebörse Nasdaq um über sieben Prozent eingebrochen und hatte mit 2291,55 Punkten den tiefsten Stand seit März 1999 erreicht. Am Mittwoch eröffente New York dann zunächst fester. der Dow Jones stieg in der ersten Stunde des Handels um gut 89 auf 10 735 Punkte. Der Nasdaq-Index kletterte um 32 Zähler auf 2324. Händler zeigten sich jedoch verunsichert und suchten verzweifelt nach Käufern.

Einer der ganz wenigen Lichtblicke an den deutschen Börsen waren am gestrigen Tage die Aktien der Deutschen Telekom. Entgegen der Verlustserie schoben sich die Papiere um 0,77 Prozent nach oben auf 31,44 Euro. Aktienfonds hätten den Titel in der Erwartung gekauft, dass die T-Aktie nach einer erfolgreichen Übernahme der amerikanischen Voicestream kräftig steigen werde, hieß es am Markt.

Der Vorstand von Intershop versuchte unterdessen den Schaden für das Unternehmen zu begrenzen. Trotz seiner schweren Kursverluste plane Intershop keine Entlassungen in Europa, erklärte Finanzvorstand Wilfried Beeck gegenüber "MDR info". Am Stammsitz im thüringischen Jena würden auch künftig Mitarbeiter eingestellt, weil das Geschäft in Europa gut laufe. In Asien und den USA müsse geprüft werden, wo sich Kosten einsparen ließen. Ziel müsse es sein, im Jahr 2001 schwarze Zahlen zu erreichen, sagte Beeck. In den USA, wo im vierten Quartal fast alle Investitionen in E-Commerce-Systeme gestoppt worden seien, müsse die Trendwende geschafft werden. Kundengespräche sollen klären, wann und in welchem Umfang Aufträge nachgeholt werden. Die Finanzlage des Unternehmens bezeichnete Beek angesichts von Barreserven von über 100 Millionen Euro als unkritisch. Trotz des drastisch gesunkenen Börsenwertes sieht er Intershop nicht als Übernahmekandidat.

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