Wirtschaft : Neuer Markt: Die Auswahl solider Aktien ist kein Hexenwerk

Catherine Hoffmann

Ginge alles mit rechten Dingen zu, würden Investmentprofis den nächsten Konjunkturaufschwung vorwegnehmen und schon einmal auf zyklische Aktien setzten, auf Chipwerte beispielsweise. Statt dessen: Ebbe. Keine Welle, von der sich Anleger zu nächsten Gewinn tragen lassen könnten, kein Branchentrend weit und breit. Um einfache Antworten auf die Frage, wie an der Börse in den kommenden Monaten Geld zu verdienen sei, verlegen, raten Investmentprofis zum Stock Picking. "Dieses Jahr ist es wichtiger, die richtigen Aktien auszuwählen, als die besten Sektoren zu bestimmen", sagt Ed Yardeni, Chefstratege bei Deutsche Bank Securities. Aber wie soll ein Privatanleger, der nicht über einen Pool von Profi-Analysten verfügt, die Gewinner finden und die Verlierer aussortieren?

Die Qualität eines börsennotierten Unternehmens lässt sich auch ohne betriebswirtschaftliches Studium gut einschätzen. Der gesunde Menschenverstand reicht. Ein wenig Zeit sollten Anleger allerdings schon mitbringen. Wer sich die Arbeit nicht machen will, Unternehmen und Branchen selbst zu prüfen, sollte die Idee, in einzelne Aktien zu investieren, besser gleich vergessen. Fonds sind dann die bessere Alternative. Der Kriterienkatalog, nach dem auch Analysten Aktien abklopfen, ist lang:

Erstklassiges Management

Fehler an der Unternehmensspitze sind meist die Ursache dafür, dass gesteckte Ziele nicht erreicht werden und Gewinnwarnungen herausgegeben werden müssen. Entscheidend ist deshalb, ob es dem Management bislang gelang, ambitionierte Wachstumsprognosen und Unternehmensziele zu erreichten. Wenn nicht, Finger weg. Zwei Fragen sollten beantwortet werden: Spüren die Gründer und Chefs frühzeitig neue Trends auf und setzen sie diese erfolgreich um? Genießen sie einen guten Ruf in der Branche und am Kapitalmarkt?

Tragfähiges Geschäftsmodell

Der erste Blick von Fondsmanagern und Vermögensverwaltern gilt stets dem Geschäftsmodell. Leuchten die Ideen und Produkte, mit denen Geld verdient werden soll, nicht ein, sollte das Unternehmen gleich wieder von der Liste möglicher Kaufkandidaten gestrichen werden. Dann gilt es herauszufinden, wie sich Vertriebsstruktur und Kundenzahlen entwickeln. Sind Umsatz und Gewinn vom Erfolg eines einzigen Produkts abhängig, ist das Investment riskant. Ist das Geschäft gut skalierbar, das heißt: kann die Produktion - etwa von Software - ohne entsprechende Erhöhung der Produktionskapazitäten ausgeweitet werden, freut sich der Anleger. Ist dies nicht der Fall, wird es für Unternehmen und Aktionäre teuer.

Komfortable Marktposition

Eine herausragende oder zumindest gefestigte Wettbewerbsposition ist fast ebenso bedeutend wie ein profitables Geschäftsmodell. Börsenprofis trauen auf Dauer nur den Spitzenreitern einer Branche hohe Gewinnsteigerungen und damit kräftige Kursgewinne zu. Sie fahnden nach überzeugenden, gut nachvollziehbaren Alleinstellungsmerkmalen. Von großem Vorteil sind hohe Markteintrittsbarrieren für Konkurrenzunternehmen, etwa aufgrund einer anspruchsvollen Technologie. Optimal: Das Unternehmen ist Marktführer, und seine Technologie ist durch umfassende Patente geschützt. Als mustergültig gilt in dieser Hinsicht das Biotechnologieunternehmen Qiagen, das mit seinen "Werkzeugen" zur Genanalyse den Weltmarkt beherrscht.

Hohes und stabiles Wachstum

Gewiefte Investoren prüfen nicht nur, ob ein Unternehmen schwarze Zahlen schreibt, sondern ob es bereits ein nachhaltiges Umsatz- und Gewinnwachstum unter Beweis gestellt hat. Dass ein Unternehmen profitabel arbeitet, gilt als Mindestanforderung, die für sich allein genommen noch kein Kaufgrund ist. Wenn aber die letzten Quartalsergebnisse deutlich über den durchschnittlichen Analystenerwartungen lagen, reibt sich jeder Investor die Hände. Entscheidend sind aber die langfristigen Wachstumsperspektiven. Schließlich werden an der Börse Erwartungen gehandelt. Je stärker Umsatz und Gewinn in den nächsten Jahren zulegen, desto besser für die Aktie. 20 Prozent sollten es im Fünf-Jahres-Durchschnitt schon sein. Vorsicht ist geboten, wenn die Wachstumskurve in Zukunft spürbar abflacht, weil der Markt etwa übersättigt ist oder das Unternehmen nur noch durch teure Zukäufe wachsen kann. Risikobewusste Anleger finden auch heraus, ob ein stabiles Wachstum möglich ist, oder ob das Unternehmen in einer stark zyklischen Branche arbeitet, deren Entwicklung nur schwer vorhersehbar sind.

Solide Bilanz

Die vielleicht wichtigste Kennzahl ist der Free Cash Flow, der ein Urteil über die Finanz- und Ertragskraft eines Unternehmens erlaubt. Gemeint sind die liquiden Mittel, die einem Unternehmen nach Realisierung aller geplanten Investitionsprojekte zur Verfügung stehen. Dieser Finanzüberschuss sollte positiv sein, denn das sind die Gelder, aus denen ein Unternehmen Dividende sowie Zins und Tilgung zahlt. Ein negatives Ergebnis ist mit Vorsicht zu genießen.

Gerade am Neuen Markt spielt auch die Verschuldung der Unternehmen eine große Rolle. Die Net Debt Position - Bankschulden abzüglich Kassenbestand - ist deshalb ein wichtiger Posten. Am besten ist natürlich, wenn eine Firma schuldenfrei ist, oder zumindest der Barbestand in der Kasse die Schulden deutlich übersteigt. Nach zu teuren und fehlgeschlagenen Akquisitionen oder dem Erwerb milliardenteurer UMTS-Lizenzen sitzen viele Firmen auf gewaltigen Schuldenbergen. Der allzu großzügig bemessene Goodwill - wie Profis den Firmenwert von Unternehmen nennen - muss abgeschrieben werden. Dass dies ein Desaster für den Aktienkurs ist beweisen Brokat, EM.TV und Kabel New Media eindrucksvoll.

Akzeptable Bewertung

Clevere Investoren überlegen sich genau, zu welchen Preis - sprich Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV - sie bereit sind, eine Aktie zu kaufen. Sie warten lieber die nächste Korrektur ab, die einen Titel billiger macht, als zu teuer einzusteigen. Das KGV ist schnell ausgerechnet: Man teilt einfach den aktuellen Kurs durch den Gewinn je Aktie. Für Neuer Markt-Werte gilt ein KGV zwischen 20 und 30 als fair. Sinnvoll sind KGV-Vergleiche allerdings nur innerhalb einer Branche. So wird Wachstumswerten wie Aixtron wegen der besseren Ertragschancen auch ein höheres KGV zugestanden.

Je niedriger das KGV, desto weniger wird für den Gewinn eines Unternehmens bezahlt. Solche Papiere notieren oft weit unter Höchstwert. Extrem hohe KGVs setzen voraus, dass das Unternehmen in den nächsten Jahren stark wächst. Eine hohe Bewertung lässt keinen Spielraum für einen zyklischen Abschwung, zu schweigen von anhaltend schwachen Wachstumsraten. Andererseits sollten Anleger nicht zu knauserig sein: Gute Unternehmen sind teuer.

Viele dieser Informationen finden sich in den Geschäftsberichten und dem Emissionsprospekt eines Unternehmens. Dort liefert das Management eine Prognose für die Umsatz- und Profitentwicklung der nächsten Jahre. Hilfreich sind auch die Internetseiten von Onlinebanken und Finanzportalen, die reichlich Kennzahlen, Charts und News zur Verfügung stellen. Um sich einen Überblick über die eher weichen Faktoren wie Managementqualität zu verschaffen, müssen Anleger wohl die Berichterstattung über ein Unternehmen eine Zeit lang verfolgen. Überhaupt ist es eine gute Idee, sich eine kleine "Watchlist" mit maximal zehn interessanten Unternehmen zu machen und diese Werte einige Wochen aufmerksam zu beobachten. So entwickeln auch Nicht-Profis schnell ein Gespür dafür, auf welche Nachrichten und Ereignisse die Aktie mit Kursausschlägen reagiert.

Auch wer viel Sorgfalt auf die Auswahl der Titel anwendet, muss sich bewusst sein, dass er mit Wachstumswerten ein hohes Risiko eingeht. Empfehlenswert ist deshalb in jedem Fall, nicht alles auf eine Karte zu setzten und mit Stop-Loss-Limits zu arbeiten. Schlaue Anleger beauftragen ihren Broker, eine Aktie sofort zu verkaufen, wenn ihr Kurs unter eine bestimmte Schmerzgrenze rutscht - beispielsweise 20 Prozent unter Einstandskurs. Damit werden Verluste automatisch realisiert, solange sie noch überschaubar ist. Gewinne sollte man getrost laufen lassen.

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