Wirtschaft : Neuer Markt: "Ein Ventil für Übertreibungen" - Aktienmarkt-Experte im Interview

Herr Albert[am Neuen Markt brechen die Kurse ein]

Herr Albert, am Neuen Markt brechen die Kurse ein, die Stimmung ist so schlecht wie lange nicht. Erst die Pleite von Gigabell, dann der Absturz der Computerwerte am vergangenen Freitag. Ist dies erst der Anfang?

Ich glaube, dass Gigabell nicht der letzte Firmenzusammenbruch am Neuen Markt ist. Dies muss man allerdings keineswegs nur negativ sehen. Der Neue Markt ist ein Segment, das Wachstumsunternehmen aufweist, an dem aber auch eine Reihe von Unternehmen notiert sind, die Venture-Capital-Charakter haben. Nicht jedes davon kann Weltmarktführer werden. Es wird immer wieder Unternehmen geben, die ein Geschäftsmodell haben, das am Markt nicht erfolgreich ist, oder die einfach ein schlechtes Management haben.

Viele Anleger sind nicht so kritisch. Sind sie einer Massenhysterie verfallen und sehen nur Gewinne?

Ganz bestimmt nicht. Sicherlich, für den ein oder anderen Anleger ist der Neue Markt manchmal auch ein Ventil für Übertreibungen, aber er stellt im Grunde ein hervorragendes Mittel dar, um Wachstumsunternehmen Kapital zu beschaffen.

Es ist also nicht nur chic am Neuen Markt zu investieren?

Nein. Die meisten Anleger am Neuen Markt haben doch inzwischen auch die Erfahrung gemacht, was es bedeutet, große Verluste zu erleiden. Vielleicht findet es der ein oder andere interessant sich mit seinem Engagement am Neuen Markt zu brüsten, aber das ist ein Schmuck, der ziemlich teuer ist.

Wie weit spielt die Hoffnung eine Rolle, für teuer gekaufte Aktien immer einen Dummen zu finden, der die Papiere noch teurer kauft?Ich denke da an den März dieses Jahres, als es eine drastische Überbewertung gab, der Markt aber dennoch weiterlief, weil jeder die Hoffnung hatte, dass man kurz bevor es zu einer Korrektur kommt, noch aussteigen kann. Aber insgesamt gesehen ist das Phänomen nicht so bedeutend.

Werden Firmen zu schnell und zu bedenkenlos an den Neuen Mark gebracht?

Natürlich haben wir eine Reihe von Firmen, bei denen man sich fragen muss, ob sie nicht zu früh an den Neuen Markt gekommen sind. Es gibt in der Tat Unternehmen, die besser noch ein, zwei Jahre gewartet und sich in dieser Zeit über wirkliches Venture-Capital finanziert hätten.

Sind denn die Prospekte bei Emissionen das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind?

Wenn man die Prospekte kritisch liest, findet man viele Hinweise, die die Einschätzung eines Unternehmens ermöglichen. Aussagen zur Zukunft sind aber meistens sehr rar. Hier müssen wir zusätzlich auf die Unternehmensangaben zurückgreifen. Die Frage, ob das Unternehmen hinreichend über die Zukunft informiert, zeigt ja auch, wie offen das Unternehmen ist.

Man muss in den Prospekten also auch zwischen den Zeilen lesen können?

So ist es. Natürlich werden die Risiken nicht auf dem Silbertablett präsentiert, aber das Emissionshaus kann auch bei verschwiegenen Risiken haftbar gemacht werden.

Lassen Sie sich denn von Unternehmenspräsentationen, so genannten Road Shows, beeindrucken?

Das sind ganz fundamental wichtige Veranstaltungen. Wir Analysten können beispielsweise sehen, ob das Unternehmen ein breit aufgestelltes Managementteam hat oder nur einen großen Kopf.

Können Unternehmensgründer ihre Anteile zu leicht und zu schnell verkaufen?

Es gab in der Tat eine Reihe von Fällen, wo es Abgaben in großem Stil gegeben hat. Es wäre wünschenswert, wenn wir hier eine größere Transparenz hätten. Ich habe aber auch viele Gründer getroffen, die durchaus ein langfristiges Interesse haben.

Ein weiteres Ärgernis sind die Ad-hoc-Mitteilungen. Werden sie zu Webezwecken missbraucht?

Gerade Anfang dieses Jahres war das sehr stark der Fall. Zum Beispiel Tria Software. Das Unternehmen hat jede noch so kleine Veränderung in mehrseitigen Ad-hoc-Meldungen publiziert. Damit sagen die Unternehmen mehr über sich, als sie sagen wollen. Bei den Anlegern kommt nämlich die Botschaft an: Die melden schon wieder etwas, um auf sich aufmerksam zu machen - dann werden die es auch nötig haben.

Welche Frühwarnsignale kann denn der Anleger bei der Überprüfung eines Geschäftsmodells empfangen?

Erfüllt das Unternehmen die eigenen Prognosen, oder kommt es zu Enttäuschungen. Wenn ein Unternehmen relativ kurz nach dem Börsengang mitteilen muss, das es seine Umsatz- und Ertragsziele nicht erreicht, ist das ein deutliches Warnsignal. Das sind dann Fälle wie Metabox oder Infomatec.

Sind so genannte Todeslisten für die besonders gefährdeten Unternehmen hilfreich?

Independent Research hat als eine der ersten eine dieser Listen erstellt. Aber wir haben deutlich darauf hingewiesen, dass wir den Begriff Todeslisten für verfehlt halten. Auch der Ansatz stimmt häufig nicht. Man kann ein Unternehmen nicht nach zwei, drei Kennzahlen beurteilen. Wir haben die Unternehmen nach Chancen eingeschätzt und dann eindeutige Urteile gefällt.

Wo sehen Sie denn gegenwärtig die besten Chancen am Neuen Markt?

Ich sehe sehr interessante Titel im Technologiebereich. Es gibt einige Werte, die aus dem klassischen Maschinenbau kommen und jetzt im High-Tech-Bereich tätig sind, dazu gehört Technotrans oder SZ Testsysteme. Technotrans ist weltgrößter Zulieferer für die Druckindustrie und Deutschland hat die wichtigsten Anbieter auf dem Druckmaschinenmarkt. SZ Testsysteme stellt Testgeräte für die Halbleiterindustrie her und verfügt über eine sehr gute Produktpalette.

Welches Potenzial sehen Sie im gesamten Neuen Markt?

Der Oktober wird noch einige sehr unruhige Tage oder vielleicht sogar Wochen bringen. Wir erwarten aber, dass sich der Nemax-All- Share zum Jahresende und vor allem Anfang 2001 deutlich positiv entwickelt. Eine Reihe von Unternehmen werden zum Jahresende gute Zahlenschätzungen für das Jahr 2001 vorlegen können. Das wird den Gesamtmarkt positiv beeinflussen.

Warum ist ausgerechnet der deutsche Neue Markt so erfolgreich?

Das hat zwei Gründe. Deutschland galt lange als sehr rückständig in der Aktienkultur. Es war ja fast anrüchig, über Aktien zu sprechen. Heute ist das Thema gesellschaftlich akzeptiert und das Ventil heißt Neuer Markt. Der zweite Grund ist: Deutschland ist die größte Volkswirtschaft in Europa, es gibt sehr viele interessante Unternehmen.

Treibt der Neue Markt den Strukturwandel voran? Schafft er neue Arbeitsplätze?

Mit Sicherheit ja. Durch die Bereitstellung von Kapital für Wachstumsunternehmen - das dann auch mal verloren gehen kann - werden Chancen eröffnet.

Schadet die derzeitige Krise dem Finanzierungsinstrument?

Die Krise gibt guten Unternehmen die Chance zu zeigen, wo sie sich positiv unterscheiden. Und wenn schwächere Börsenkandidaten nicht an den Markt gebracht werden, ist dies zu begrüßen. Gute Kandidaten kommen immer.

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