Wirtschaft : Neuer Markt: In der Baisse büßen Aktienoptionen ihre Attraktivität ein

weg/lip/sgr/rk

Nicht nur, dass sie in Deutschland höher besteuert werden als anderswo: Aktienoptionen haben ihre Attraktivität weitgehend eingebüßt angesichts geschrumpfter Aktienkurse. Während Großunternehmen wie Daimler-Chrysler oder SAP die Konditionen erst einmal unangetastet lassen, haben einige Unternehmen des Neuen Marktes bereits reagiert. Grund ist die unterschiedliche Bedeutung, die Aktienoptionen für Startups auf der einen und für Traditionsunternehmen auf der anderen Seite zukommt: Für Erstere sind sie üblicher Bestandteil der Vergütung. Und nicht nur leitende Angestellte bekamen sie, sondern oft die ganzen Belegschaft. In der Old Economy waren Aktienoptionen dagegen nicht selten den Vorständen vorbehalten.

Optionen mit zwei Variablen

Grundsätzlich verfügen Aktienoptionspläne über zwei Variablen: den Zeitraum, in dem die Option eingelöst werden kann, und den Referenzkurs. Zum Beispiel Daimler-Chrysler: Das laufende Aktienoptionsprogramm bietet 6500 Mitarbeitern die Möglichkeit, ihre Optionen ab Januar 2002 auszuüben. Die Optionsrechte gelten ab dann für einen Zeitraum von acht Jahren, danach verfallen sie. Der Referenzkurs wird alljährlich vom Aufsichtsrat auf der Frühjahrstagung festgelegt; es handelt sich in der Regel um den Tageskurs vom Vortag der Sitzung. Steigt der Kurs deutlich über den Referenzkurs, ist der Ausübungspreis (Strike Price) erreicht; die Mitarbeiter werden dann ihre Aktienoptionen einlösen und sich so am Unternehmenserfolg beteiligen. Solche Aktienoptionspläne sind meist von einem umfangreichen Regelwerk begleitet. So ist es bei Daimler-Chrysler schriftlich festgelegt, dass der Ausübungspreis mindestens 20 Prozent über dem Referenzkurs liegen muss. Andere Unternehmen koppeln den Strike Price etwa an einen Börsenindex.

Gezielt schlechte Nachrichten streuen

In den USA gilt es als gängige Praxis, dass das Management gezielt schlechte Nachrichten streut, kurz bevor der Referenzkurs festgezurrt wird. Gute Nachrichten hält es zurück, bis die Ausübungsfrist naht. Folge: höhere Kursgewinne. Viele Startups haben in Zeiten steigender Kurse (nicht nur leitenden) Mitarbeitern Aktienoptionen offeriert - weil die Firmen die üblichen Gehälter selten zahlen konnten, und weil sie dringend Eigenkapital benötigten. Letzteres fließt dem Unternehmen von den Mitarbeitern zu, wenn diese ihre Optionen einlösen. Optionspläne reduzieren also die finanzielle Belastung des Unternehmens.

Beispiel SAP: Der Aktienkurs befindet sich derzeit, wie die Mitarbeiter des Walldorfer Softwarehauses selbst sagen, "under water". Die Optionen sind also wertlos. Die Aktie hat noch bis zum kritischen Termin am 23. Januar drei Wochen Zeit, um sich so zu verbessern, dass die Mitarbeiter, die am so genannten Star-Programm (Stock Appreciation Rights) beteiligt sind, davon profitieren. Der Kurs muss bis dahin auf mindestens 274 Euro steigen, erst dann bekommen die Mitarbeiter eine Sonderzahlung für die so genannten "virtuellen Aktienoptionen". Allerdings: Am Mittwoch notierte die SAP-Aktie bei rund 120 Euro. Seit 1998 gibt es diese von SAP kreierte Form der Mitarbeiterbeteiligung. 1998 gingen die Abgestellten leer aus, dafür klingelten 1999 die Glocken, als hohe Sonderzahlungen fällig wurden.

Daimler-Chrysler hat im Frühjahr 2000 einen Aktienoptionsplan aufgelegt, dessen erste Tranche für die Ausübung einen Aktienkurs von knapp 75 Euro erfordert. Zur Zeit bewegt sich der Kurs um 45 Euro, die Optionen sind also gegenwärtig praktisch wertlos. Das gilt genauso für zwei Programme der früheren Daimler-Benz AG mit so genannten Phantomaktien. Für das Programm aus dem Jahr 1997 liegt der Ausübungspreis bei 75 Euro, für das Programm von 1998 gar bei 106 Euro. Die Daimler Chrysler-Manager müssen also Geduld mitbringen. Bis 2007 haben sie Zeit, die Optionen auszuüben. Überdies wird im Frühjahr 2001 eine neue Tranche aufgelegt. Für die ist der aktuelle Kurs maßgebend. Und von den derzeitigen Tiefen sollte eine Steigerung von 20 Prozent, wie sie der Optionsplan verlangt, möglich sein.

Auf keinen finanziellen Erfolg dürfen Mitarbeiter der am Neuen Markt notierten Micrologica hoffen, die am ersten Aktienoptionsprogramm des Anbieters für Call-Center-Technologie teilgenommen haben. Denn angesichts des dramatischen Kursverlustes würde eine Ausübung der Option derzeit keinen Sinn machen. Seit Anfang 1999 war die Notierung der Micrologica-Aktie von 140 Euro auf inzwischen erbärmliche 3,50 Euro eingebrochen. Hoffnung auf eine Gehaltsaufbesserung können hingegen Micrologica-Mitarbeiter schöpfen, die an dem im November 2000 neu aufgelegten Aktienoptionsprogramm zu einem deutlich geringerem Kurs teilnehmen. "Wir gehen davon aus, dass unser Kurs wieder steigen wird", sagt eine Unternehmenssprecherin.

Leer gehen hingegen Mitarbeiter der am Neuen Markt notierten Emprise Management Consulting aus, die vor zwei Jahren Aktienoptionen erhalten haben. Bei der dramatischen Talfahrt des Aktienkurses von 225 Euro im März 2000 bis auf derzeit 6,25 Euro bringt eine Ausübung der Option für die Angestellten keinen Profit. "Der Mitarbeiter trägt das Risiko, wenn er statt einer Jahresprämie in bar eine Aktienoption wählt", betont ein Firmensprecher. Er rät den Arbeitnehmern, auf eine Kurserholung zu warten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben