Wirtschaft : Neuer Markt: Neuer Rückschlag droht

Hermannus Pfeiffer

Der Neue Markt wird einen unruhigen Sommer erleben: Im Moment rollt eine Welle von Neuemissionen, die zum Teil wegen der Frühjahrskrise verschoben worden waren. Insbesondere Multimedia- und Internetwerte drängen jetzt in das Wachstumssegment. Was Anleger aber unbedingt beachten sollten: Im Juli und August endet die so genannte Lock-up-Periode für die Aktien von 22 Unternehmen, die Anfang dieses Jahres am Neuen Markt platziert worden waren. Nach dem Ende dieser Sperrfrist können Altaktionäre, die schon vor dem Börsengang Wertpapiere besaßen, ihre Anteile endlich verkaufen. Dies könnte einen weiteren Kursrutsch am Neuen Markt auslösen. Eigentlich lebt der "Neue Markt" von traumhaften Geschichten. Mit der Schaffung dieses neuen Börsensegments schienen sich viele Anlegerträume endlich erfüllt zu haben. Die Emissionen im Gründungsjahr 1997 erreichten in den ersten zwölf Monaten ihres Börsendaseins ein durchschnittliches Plus von über 350 Prozent. Den Vogel schoss 1998 das Medienunternehmen EM.TV ab. Sein Aktienkurs gewann in zwölf Monaten mehr als 3000 Prozent dazu - im selben Zeitraum stieg der Dax "nur" um 19 Prozent. Aber schon damals warnten Beobachter, dass solche jungen Aktien "nur Rendite-Chancen für Schwindelfreie bieten", wie es die Deutsche Bank formulierte.

Eröffnet wurde der Neue Markt im März 1997. Damit hatte sich die Wertpapierbörse in Frankfurt ein viertes Segment geschaffen. Für die Zulassung einer Aktiengesellschaft zum "Amtlichen Handel" sind relativ hohe Hürden zu überwinden, so blieb jener die Domäne von rund 600 großen Konzernen. Ebenso gesetzlich reguliert ist der "Geregelte Markt", allerdings sind die Zulassungsvoraussetzungen leichter zu erfüllen. Richtig durchsetzen konnte sich dieser Marktplatz jedoch nie, immer noch sind dort kaum mehr als 100 Unternehmen gelistet. Liberal und lediglich privatrechtlich geregelt wird der dritte Börsenmarkt, der "Freiverkehr", auf dem in Frankfurt 1500 hauptsächlich ausländische Aktien gehandelt werden.

Seit 1997 soll der Neue Markt relativ laxe Zulassungsbedingungen mit einer relativ großen Transparenz der Firmen verknüpfen. So können ausführliche Informationen über den Neuen Markt und über einzelne Aktien jederzeit im Internet abgerufen werden (www.neuer-markt.de). "Nur informierte Investoren können fundierte Anlageentscheidungen treffen", sagte Börsenvorstand Reto Francioni in der Auftaktveranstaltung im März 1997. "Der Neue Markt eröffnet jungen und innovativen Wachstumsunternehmen den Weg zu mehr Eigenkapital" und schaffe für Investoren attraktive Anlagemöglichkeiten, wenn sie bereit sind, "für größere Chancen ein entsprechendes Risiko einzugehen". Mittlerweile werden über 250 Aktien geführt, weitere Emissionen stehen bevor. Für private Kleinanleger ist der Neue Markt jedoch eigentlich zu riskant. Von Anfang an zeigten die jungen Aktien eine große Volatilität. Darunter verstehen Börsianer die Kursausschläge nach oben und unten. Besonders hoch ist diese Volatilität auf kleineren Aktienmärkten, zudem wenn sie ein wenig abseits der Mainstream-Kapitalströme liegen. So funktioniert auch der Neue Markt mit heftigen Schwankungen.

Zunächst starteten fast alle am Neuen Markt notierten Werte zu einem Höhenflug. Die Kurse stiegen und stiegen. Immer mehr Kapital floss aus der "alten Ökonomie" - Banken, Industrie, Handel - in die TMT-Branchen. "TMT" steht für Technologie-Medien-Telekommunikation. Obendrein entdeckten auch Kleinanleger und Investmentfonds diese jungen Industriezweige mit Hoffnungsbonus für die Zukunft. Übrigens eine Entwicklung, wie sie auch in Frankreich oder den Vereinigten Staaten zu beobachten war.

Es kam, wie es kommen musste: Die Begeisterung der Börsianer und Anleger treibt den Neuen Markt in einen kühnen Überschwang, und aus diesem Überschwang wächst durch Leichtsinn eine Spekulationsblase. Messen wir mit den klassischen Kriterien - etwa den Ertragschancen oder dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) - sind fast alle Aktien am Neuen Markt geradezu aberwitzig überbewertet.

Im März platzte erstmals diese Spekulationsblase. In wenigen Tagen verloren die Kurse am Neuen Markt durchschnittlich ein Drittel. Rein rechnerisch wurde ein Börsenwert von etwa 100 Milliarden Mark vernichtet. Jetzt könnte der Sommer einen ähnlich tiefen Kursrutsch bringen: Für viele Aktien endet die so genannte "Lock-up-Periode". Mit dem Ende dieser Sperrfrist können die Altaktionäre von 22 jungen Börsenwerten, die Anfang dieses Jahres an den Markt gebracht wurden, ihre Aktien verkaufen.

Die Deutsche Börse besteht für die Zulassung am Neuen Markt auf einer solchen Sperrfrist. Mit dieser privatrechtlichen Regelung will die Börse "dem Markt" genügend Zeit verschaffen, um sich ein realistisches Bild zu machen, und es soll verhindert werden, dass die früheren Eigentümer den Börsengang allein dafür nutzen, schnell Kasse zu machen. Die Lock-up-Periode muss mindestens sechs Monate dauern. Die vielen Neuemissionen am Jahresbeginn haben nun dafür gesorgt, dass sich im Sommer das Ende vieler Lock-up-Perioden ballt. Machen die Alten wirklich Kasse, dann könnten sie eine Kursrutsch auslösen.

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