Wirtschaft : Neuer Markt: Qualitätsverlust

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Der Neue Markt, das Wachstumssegment der Frankfurter Börse, könnte in nächster Zeit nach Ansicht der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) eher zu einer Belastung als zu einem Gütesiegel des Finanzplatzes Deutschland werden. Grund: Die Flops bei Neuemissionen häufen sich. Börse und Banken vernachlässigen die Qualitätsprüfung neuer Unternehmen und brächten Firmen an die Börse, die längst noch nicht börsenreif seien. Zudem sei die Ertragslage der mittlerweile über 300 am Neuen Markt notierten Unternehmen "erschreckend". Banken und Börse sollten wieder zu den ursprünglich strengen Zulassungskriterien zurückkehren, Anleger sollten wesentlich vorsichtiger werden, fordert die SdK.

Einzig positives Merkmal des Neuen Marktes sei der anhaltende Emissionsboom, betont SdK-Sprecher Markus Straub. Mit 98 Firmen seien im ersten Halbjahr mehr auf das Börsenparkett gekommen - davon 81 an den Neuen Markt - als in den ersten sechs Monaten 1999. Aber sonst ziehen die Vertreter der Kleinaktionäre eine höchst zwiespältige Bilanz: Dies bezieht sich vor allem auf die mehr als dürftige Kursentwicklung vieler Papiere. Nur gut die Hälfte der Börsenneulinge des laufenden Jahres lag Ende Juni über ihrem Ausgabepreis. Etliche der neuen Aktien verbuchten Verluste von über 30, zum Teil sogar von über 50 Prozent. "Das ist eine Katastrophe für die Anleger", sagt Straub und schiebt den Schwarzen Peter Banken und Börsen zu. "Viele Emissionen werden in den Markt gedrückt." Trotz des schwierigen Börsenumfeldes seien allein im Juli 25 Unternehmen neu an die Börse gekommen. Etliche Firmen hätten erhebliche Probleme gehabt, die Papiere zu verkaufen und hätten deshalb mit dem Emissionspreis heruntergehen müssen. "Viele Gesellschaften sind auf die Emissionserlöse offensichtlich derart dringend angewiesen, dass die Höhe der Zuflüsse nicht mehr so wichtig ist. Hauptsache, es fließt überhaupt neues Geld in die Firmenkasse."

Banken und Deutsche Börse legen nach Ansicht der SdK die Messlatte längst nicht mehr so hoch wie noch in den Anfangszeiten des Neuen Marktes. Damals galt als ein Kriterium, dass die Firmen mindestens drei Jahre alt sein mussten. "Heute hat man teilweise den Eindruck, der Börsengang und nicht das operative Geschäft ist das Geschäftsmodell der Unternehmensgründer", kritisiert Straub. Zudem hätten fast 80 Prozent der Unternehmen keine Dividende gezahlt. "Der Neue Markt ist nur etwas für den sehr gut informierten Anleger. Der Emissionsprospekt sollte sehr genau gelesen werden", sagt Straub. Mit einer eigens formulierten "IPO-Norm" bietet die SdK eine Entscheidungshilfe für Anleger: Danach wird - im Internet unter www.ipo-norm.de für jedermann einsehbar - die Informationsbereitschaft der Börsenkandidaten bewertet. Wer offen informiert, bekommt die grüne, wer dicht hält die rote Karte. Ob das Unternehmen allerdings vor einer erfolgreichen Zukunft steht, kann auch die SdK nicht bewerten.

Unmut herrscht bei der SdK auch über die Management-Vergütungen bei vielen Unternehmen. Der "Selbstbedienungseuphorie" müsse Einhalt geboten werden. Geklagt wird unter anderem gegen das Aktienoptionsprogramm bei Daimler-Chrysler. Dort sollen 96 Millionen Optionsrechte als Zusatzvergütung an rund 6500 Führungskräfte gehen. Diese würde schon erreicht, wenn der Aktienkurs um 20 Prozent steige, unabhängig von Vergleichsindizes oder vom Unternehmenserfolg.

Bei aller Skepsis gibt es nach dem Kursrutsch der vergangenen Monate auch wieder positive Stimmen zum Neuen Markt. Manche Analysten sagen bis zum Jahresende deutlich höhere Kurse voraus. Den größten Optimismus verbreitet die DG Bank in ihrer jüngsten Studie. Das Spitzeninstitut des Genossenschaftsverbundes geht davon aus, dass der alle Werte umfassende Nemax-All-Share-Index in der zweiten Jahreshälfte seine alten Höchststände von knapp 8500 Punkte aus dem März wieder erreichen wird. Momentan notiert das Kursbarometer um die 5200 Punkte.

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