Wirtschaft : Neuer Markt: Starke Hände halten den Medion-Kurs

Maurice Shahd

Nicht selten reiben sich Frühaufsteher verblüfft die Augen, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit eine Menschenansammlung vor einem Supermarkt wie Aldi oder Lidl sehen. Glückliche Menschen, mit großen Kisten bepackt, verlassen die Geschäfte. Beobachtungen wie diese sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Supermarktketten mal wieder eine große PC- oder Notebook-Aktion durchführen.

Hinter den meisten dieser zeitlich begrenzten Verkaufsaktionen steckt die am Neuen Markt notierte Firma Medion. Da sich Lebensmittel-Discounter, Kaffeeröster oder Verbrauchermärkte - die Hauptkunden von Medion - besser auf den Verkauf von Lebensmitteln verstehen, erledigt bei Elektronikartikeln Medion die Arbeit. Am krisengeschüttelten Neuen Markt hält sich die Aktie erstaunlich gut. Nach Bekanntgabe der Halbjahreszahlen Ende August zog der Wert deutlich an.

Obwohl erst seit Februar 1999 an der Börse notiert, besteht das Unternehmen schon seit 1983. Damals gründete Gerd Brachmann mit einem Partner eine Offene Handelsgesellschaft, die sich mit dem Import und Export von Elektroartikeln beschäftigte. Seitdem verfeinerte Brachmann das Geschäftsmodell bis zur Perfektion. Im ersten Schritt entwickelt er Produktideen für Aktionswaren und testet deren Akzeptanz bei den Kunden. Dann berät Medion die Handelsunternehmen bei der Auswahl der Produkte und Hersteller. Haben sich die Handelsketten entschieden, übernimmt Medion die gesamte Logistik von der Lagerung bis zur Lieferung der Waren. Schließlich gewährleistet das Unternehmen den Kundenservice nach dem Kauf.

Medion tritt dabei als Mittler zwischen den Handelsunternehmen und den Herstellern auf. Davon profitieren beide Seiten. Die Händler nutzen Medions Know-how in den Bereichen PC/Multimedia, Unterhaltungselektronik und Kommunikationstechnik. Die Produzenten können sich dank Medion neue Verkaufswege erschließen und erreichen neue Zielgruppen. Viele Produkte verkauft der Marketing-Dienstleister unter eigenen Marken wie Medion oder Lifetec. Medionchef Brachmann arbeitet aber auch mit Markenherstellern wie Philips oder Hewlett-Packard zusammen.

Trotz des Erfolgs des in Essen ansässigen Unternehmens blieb die Medion-Aktie in den letzten Monaten nicht von der Krise am Neuen Markt verschont. Nach einem Höhenflug im Mai auf 53,80 Euro sackte der Kurs auf unter 35 Euro im Juli. Doch nach Veröffentlichung der positiven Halbjahreszahlen gewann die Aktie an einem Tag sechs Prozent liegt jetzt im Bereich von 40 Euro. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz um satte 39 Prozent auf 818,8 Millionen Euro. Der Halbjahresüberschuss kletterte sogar um 51 Prozent auf 44,8 Millionen Euro. Nach Schätzungen mehrerer Analysten wird der Umsatz im Gesamtjahr 2,1 Milliarden Euro (plus 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) und der Gewinn rund 120 Millionen Euro (plus 32 Prozent) erreichen. Einen Großteil seines Geschäfts macht Medion im zweiten Halbjahr, insbesondere in der Vorweihnachtszeit. Die Analysten sind voll des Lobes: "Das Geschäftsmodell ist seit 20 Jahren etabliert und Medion ist mit Abstand Marktführer", sagt Cengiz Sen von der Commerzbank. Konkurrenten wie Gericom oder IPC Archtech hätten es schwer, in den Markt einzudringen, da sie nur auf PCs und Notebooks spezialisiert seien. Zudem gehöre das Medion-Management zu den erfahrensten der Branche. Sen rechnet nicht mit einem Abrutschen des Kurses im Sog anderer siechender Werte wie Pixelpark oder Intershop: "Viele große Fonds haben in die Aktie investiert und wollen den Wert langfristig halten. Das sind starke Hände, die den Kurs halten." Große Chancen sehen die Branchenkenner in der Auslandsexpansion. Derzeit ist Medion in 13 europäischen Ländern aktiv und macht dort 19,8 Prozent des Umsatzes. Bis 2002 soll der Auslandsanteil auf 25 Prozent steigen. Nach erfolgreichen Kooperationen mit Carrefour in Frankreich und Dixons in Großbritannien hat Medion jetzt die USA im Visier. "Das Wachstum kommt vor allem aus dem Ausland und der US-Markt hat ein riesiges Potenzial", sagt Burkhard Sawazki, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhard. Dass sich Medion dabei die Finger verbrennt, glaubt Sawazki nicht: "Medion testet den Markt derzeit vorsichtig an. Bisher war das Management bei der Expansion ins Ausland sehr umsichtig."

Beide Analysten rechnen mit einem Kursanstieg bis 60 Euro und empfehlen die Aktie zum Kauf. Ausschließlich rosig sehen sie die Zukunft aber nicht. In diesem Jahr waren die PC-Verkäufe rückläufig. Auch der Markt für Unterhaltungselektronik schrumpfte im ersten Halbjahr um rund sechs Prozent. Über allem schwebt die Konjunkturflaute, die jetzt auch in Europa herrscht. HSBC-Analyst Sawazki: "Irgendwann kann sich auch ein erfolgreicher Billiganbieter wie Medion nicht von der schwachen Konjunktur abkoppeln."

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