Wirtschaft : Neuer Markt: Substanz ist gefragt

Svenja Wilke

Nein, ein richtiger TechnikFreak sei er nicht, winkt Analyst Michael Köhler von der BFG-Bank ab. Auch sein Kollege Dirk Lohmann vom Bankhaus HSBC Trinkaus bewegt sich in der Welt der Industrie ein wenig unsicher. Bei Betriebsführungen lasse er sich zwar alles erklären, doch bis ins "letzte Detail" dringe er dabei nicht vor. Wenn ein Unternehmen aber eine Erfindung macht oder ein neues Produkt auf den Markt bringt, werden die beiden Analysten für Spezialmaschinenbau hellhörig. Denn bei einem Durchbruch steigen Umsatz und Gewinn, zwei wichtige Grundsteine für eine positive Entwicklung des Aktienkurses.

Köhler beobachtet, dass Anleger am Neuen Markt zur Zeit wieder Firmen bevorzugen, die etwas produzieren und nicht nur eine Idee verkaufen. "Unternehmen, die wirklich etwas in der Hand halten, haben nicht so stark gelitten und sich schneller wieder erholt als andere", sagt er. So sank etwa der Aktienkurs von Pfeiffer Vacuum im März von seinem Höchststand bei knapp 50 Euro bis auf gut 35 Euro. Derzeit notiert der Wert schon wieder bei knapp 40 Euro. Die Unternehmensleitung führt den Erfolg auf ihre aktive Forschungs- und Entwicklungspolitik zurück. 45 Patente werden weltweit gehalten, im laufenden Jahr sollen noch sechs weitere angemeldet werden. Hilfreich bei der Produktentwicklung sei die Zusammenarbeit mit Fachhochschulen, berichtet Gudrun Geißler, zuständig für Investor Relations bei Pfeiffer Vacuum.

HSBC-Trinkaus-Analyst Lohmann sieht darin ein weiteres Plus für die Bewertung des Unternehmens: "Durch die Kooperation ist das Unternehmen immer am Puls der Zeit. "Vor wenigen Wochen hat Pfeiffer Vacuum eine neue Messgeräte-Reihe eingeführt. Eine Maschine zur Herstellung wiederbeschreibbarer DVDs steht kurz vor der Endabnahme. Die Anlage soll noch in diesem Jahr zehn Millionen Mark Umsatz einbringen, 2001 mindestens das Doppelte. Der DVD-Bereich ist es auch, der die Analysten schwärmen lässt: "Da kommt richtig Phantasie rein", sagt BFG-Bank-Experte Köhler. "In den nächsten Jahren werden hier starke Wachstumsraten erwartet." Für die solide Firmengrundlage sorgen auch die Turbomolekularpumpen: Hier ist Pfeiffer mit einem Anteil von 40 Prozent Weltmarktführer.

Auch die Unternehmensführung bei Pandatel hat in den letzten Wochen beobachtet, dass man sich mit neuen Produkten profilieren kann. "Wenn wir auf Konferenzen ein Gerät präsentieren, sehen die Analysten, dass wir auch physikalisch etwas produzieren und nicht nur wirre Ideen entwickeln", sagt eine Sprecherin. "Dadurch haben wir uns von Internetfirmen abgesetzt." Die aktuelle Entwicklung des Herstellers von Telekommunikations-Komponenten ist ein neues Multiplexer-Modell, das eine Vielzahl von Kanälen auf einer Glasfaser bündelt. Dadurch lassen sich mehr Informationen schneller übertragen. Das Gerät wird seit dem zweiten Quartal dieses Jahres in Serie gefertigt. Ein Liefervertrag über zehn Millionen Mark mit einer US-Firma sichert die Abnahme. Zurzeit macht der Geschäftsbereich fibermatics, zu dem auch die Multiplexer gehören, rund 18 Prozent des Umsatzes aus, die Telekommunikation 73 Prozent. Doch schon in zwei Jahren soll das Verhältnis bei 40:50 liegen.

Dafür wird kräftig in die Produktentwicklung investiert: 1999 betrugen die Forschungsausgaben bei einem Umsatz von 46 Millionen Mark knapp vier Millionen Mark. "Die Forschung ist der Kern der Unternehmensentwicklung und damit auch für den Verlauf des Aktienkurses entscheidend", sagt eine Sprecherin. Die Hypo-Vereinsbank honoriert die Geschäftspolitik und glaubt, dass sich der Wert besser als der Markt ("Outperformer") entwickeln wird.

Dass ein neues Produkt allein aber nicht immer eine positive Entwicklung an der Börse garantiert, zeigt Plasmaselect: Das Unternehmen hat ein Plasma Cleaning entwickelt, ein Verfahren mit dem schädigende Substanzen aus dem Blut gefiltert werden. Damit ist etwa das Diabetische Fußsyndrom behandelbar. Der Aktienkurs schoss in der allgemeinen Internet- und BiotechnologieEuphorie im März auf einen Kurs von fast 180 Euro. Inzwischen ist er aber wieder auf rund 76 Euro zurückgekommen. Selbst der Finanzvorstand des Unternehmens gibt zu: "Der Kurs war völlig überhitzt. Da stand nichts hinter. "Analysten bemängeln unter anderem, dass das Unternehmen von nur einem Produkt, dem Blutreiniger "RheoSorb", abhängt. Die Produktion ist zwar schon angelaufen, aber der Vertrieb muss erst noch aufgebaut werden. Wie sich das Mittel am Markt behaupten wird, sei noch unklar. Damit sich eine Erfindung aber auch positiv auf den Aktienkurs auswirkt, muss sie erfolgreich vertrieben, also in Geld umgewandelt werden. Einstweilen hält Heiko Bienek von Independent Research den Kurs von Plasmaselect noch für überteuert. "Es muss sich erst ein Gleichgewichtspreis finden, dann werden auch positive Unternehmensmeldungen wieder honoriert."

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