Wirtschaft : Neuer Markt vom Erfolg verwöhnt

Börsensegment bereitet vor allem den Anlegern Freude / Mobilcom mit 1000 Prozent Kursgewinn FRANKFURT (MAIN) (ro).Ein Jahr nach dem Start schwimmt der Neue Markt der Frankfurter Börse auf einer ungeahnten Erfolgswelle.Die Nachfrage nach den Aktien des Börsensegmentes für innovative und wachstumsstarke Unternehmen ist so groß, daß die täglichen Handelszeiten auf dem Parkett in Frankfurt ab 1.April um fünfeinhalb von drei auf achteinhalb Stunden verlängert werden.Der Handel beginnt dann schon um 8 Uhr 30 und endet erst um 17 Uhr.Dann wird im variablen Handel in Frankfurt auch der Kauf oder Verkauf von einer Aktie möglich sein.Bislang mußten 100 Stück geordert werden.In Frankfurt zieht man damit die Konsequenz aus dem Verlust eines beträchtlichen Teils der Umsätze des Neuen Marktes an Regionalbörsen wie Stuttgart oder Berlin, wo die Handelszeiten schon vor einiger Zeit verlängert und die Mindestordergröße abgeschafft worden war.Für die Oberen der Deutsche Börse AG ist die Verlängerung der Handelszeit auf dem Parkett ein Rückschlag.Schließlich pochen sie auf das Ende des traditionellen Börsenhandels.Trotzdem zieht Reto Francioni, Vorstandsmitglied der Deutsche Börse AG, eine uneingeschränkt positive Bilanz.Der Neue Markt dokumentiere die Innovationsfähigkeit des deutschen Kapitalmarktes und er sei auch Beleg dafür, was die Finanzmärkte für den Arbeitsmarkt tun könnten: Immerhin hätten die Unternehmen mit dem Kapital, das sie über den Neuen Markt bekommen hätten, seit März 1997 rund 3600 neue Arbeitsplätze geschaffen.Gewinner des Neuen Marktes sind allerdings vor allem die Anleger - trotz der starken Kursschwankungen.Bei keinem der 18 bislang notierten Unternehmen ist der Kurs unter den Emissionspreis gerutscht.Im Schnitt haben die Kurse sogar um sage und schreibe 200 Prozent zugelegt.Unangefochtener Spitzenreiter ist die Aktie von Mobilcom mit einem Plus von rund 1000 Prozent.Allein in der letzten zehn Tagen ist der Kurs des Papiers von rund 450 auf über 800 DM gestiegen, gestern gab es wieder ein Plus von rund 80 DM.Insgesamt liegt der Marktwert der 18 Aktien bei mehr als 14 Mrd.DM.Im Schnitt werden an jedem Handelstag am Neuen Markt 6000 Geschäfte über 1,8 Mill.Aktien im Wert von 226 Mill.DM getätigt.In diesem Jahr soll der Neue Markt einen weiteren Schub erhalten: In den nächsten Wochen kommen mit 1 & 1, mit Transtec und mit Pfeiffer Vacuum drei weitere Unternehmen auf den Kurszettel.Nach Angaben von Francioni sollen in den nächsten Jahren im Schnitt jeweils etwa 20 neue Firmen neu gelistet werden.Unterstützung soll der Neue Markt auch dadurch erhalten, daß die gefragtesten Aktien ab Mai über das Computer-System Xetra gehandelt werden.Rund 50 Prozent der Investoren am Neuen Markt sind Privatanleger.Trotz der hohen Schwankungen und des damit verbundenen größeren Risikos - selbst unter Börsianer gilt der Neue Markt als "Zockermarkt" - hätten sich die Kleinanleger "sehr besonnen" verhalten.Die Kursschwankungen will die Börse, so Francioni, allerdings glätten, etwa durch die Ausweitung der Handelszeiten.In erster Linie aber zielt der Neue Markt auf große, institutionelle Investoren.Dabei hofft die Frankfurter Börse auf Akzeptanz vor allem in den USA.Die Chancen dafür sind nach Ansicht von Francioni gut."Wir sind in New York schon erstaunlich bekannt."Nicht nur für die Anleger eröffnet der Neue Markt nach Ansicht von Werner Seifert, Vorstandschef der Deutsche Börse AG, gute Aussichten.Er sieht auch positive Chancen für Existenzgründer und vor allem für neue Jobs."Der Neue Markt ist ein Lehrstück für die Markwirtschaft.Kapital wird mit Ideen zusammengebracht.Wir vollziehen in Deutschland nach, was in den USA seit Jahrzehnten gang und gäbe." Der Neue Markt sei ein wichtiger Ansatz, die Arbeitslosigkeit mit marktwirtschaftlichen Mitteln auf vier bis fünf Prozent zu verringern. Stichwort: Neuer MarktSeit dem 10.März 1997 gibt es das neue Handelssegment an der Deutschen Börse in Frankfurt.Der Neue Markt orientiert sich wie andere Börsen dieser Art in Europa am US-Freiverkehrsmarkt Nasdaq, der seit 1971 erfolgreich arbeitet.Ziel ist es, Risikokapital für junge Unternehmen aus Wachstumsbranchen (Multimedia, Biotechnologie, Dienstleistungen etc.) bereitzustellen.Trotz der Wagnisorientierung hat der Neue Markt schärfere Normen als der amtliche Handel.Das soll dem Schutz der Anleger dienen.Von den Unternehmen wird noch größere Transparenz erwartet als von den großen Konzernen im Dax.So müssen sie etwa alle Firmenveröffentlichungen in deutscher und englischer Sprache anfertigen, Quartals- und Jahresbilanzen nach dem internationalen IAS-Standard oder dem US-GAAP-System erstellen und mindestens einmal jährlich eine Analysten-Konferenz abhalten.Außerdem muß die Firma schon ein Jahr erfolgreich gearbeitet haben, bevor sie gelistet werden kann.Die Emission muß zudem einen Kurswert von mindestens zehn Mill.DM haben.Ein Novum sind die "Betreuer".Das sind meist Banken, die junge Unternehmen bei der Aktienausgabe begleiten, beraten und ausreichende Liquidität zur Verfügung stellen beziehungsweise Kurse stellen.

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